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Europa in Kultur, von Prof. Egon Bezold
Auch der 24. Edition des Kissinger Sommer drückt die künstlerische Leiterin Kari Kahl-Wolfsjäger ihren programmatischen Stempel auf. Alles läuft auf gewohnten, dem Kissinger Publikum willkommenen Pfaden – eine vorzugsweise klassisch-romantische Konzeption, getragen von Künstlern, die sich bei ihrem Rundlauf durch die Konzertsäle und Festspielstätten die Türklinken reichen: Es sind Stars mit hohem qualitativen Anspruch, auch auch junge Profile, die mit interessanten Beiträgen das Erscheinungsbild des Festivals positiv prägen. Dass die Besucherfrequenz ein wenig schwächelt – dem Vernehmen nach sind es gute 7% weniger – ist sicher die Folge der globalen wirtschaftlichen Restriktionen, die auch bei den kulturellen Institutionen ihre Spuren hinterlassen. „Das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf den Verhandlungsspielraum der Gagen für das Jubiläumsjahr 2010“, meint ein Kulturmanager vom Veranstaltungsbüro der Stadt Bad Kissingen.

Eines hat der Kissinger Sommer den Mitbewerbern wohl voraus: der Nachwuchs erhält hier immer Auftrittschancen, sofern er mit den richtigen Einfluss nehmenden Künstleragenturen kooperiert, unter die Fittiche berühmter Dirigenten und Solisten schlüpft und Wettbewerbs- Erfolge vorweisen kann. Der Zufall wollte es, dass wenige Stunden nach dem krankheitshalber absagenden Pianisten Paul Lewis der aus Österreich stammende Till Fellner – gerade im Aufbruch zum Klavier-Festival Ruhr – im Rossini-Saal mit einem Beethoven-Recital einsprang. Fellner tat dies ganz im Bewusstsein eines zielbewusst zupackenden Strategen, der nicht nur große Anschlagskunst vorführte, sondern stilsicher, Form bewusst, mit subtiler dynamischer Skala interpretierte. Es fehlte Till Fellner nicht an der wuchtigen Pranke und an beachtlicher Zielsicherheit. Vor allem in der großen Hammerklaviersonate op. 106 kam der Revolutionär Beethoven, sein Pathos, die mitreißende Macht seiner Tonsprache, (fabelhaft das Fugenfinale) trefflich zur Geltung.

An Abwechslung mangelt es bei 24. Kissinger Sommer wohl kaum: Klassik-Galas im historischen Regentenbau, festliche Operngalas, Klangwerkstätten, Belcanto im Kloster, Virtuosen-Auftritte, kammermusikalische Matineen, Kirchenkonzerte und die aus Bad Reichenhalle transferierte Liederwerkstatt, die Uraufführungen von sieben Komponisten ankündigte. Da sich der Kissinger Sommer als eine Institution des Marketing versteht, wird unter diesem Blickwinkel die ungeliebte zeitgenössische Musik recht zaghaft in die Orchesterkonzerte integriert. Doch in den kammermusikalischen Reihen scheint die Moderne besser aufgehoben. Nach Hörabenteuer lechzende Nachtschwärmer kamen im der ersten Edition der Liederwerkstatt auf ihre Kosten. Wer genug Sitzfleisch mitbrachte und die Augen offen halten konnte, wurde da schon recht spät ins Bett beordert.

Publikumsfreundlich war die Tönung in drei Orchesterkonzerten am zweiten Wochenende der Kissinger Festspielzeit. Fabio Luisi stimmte das Publikum auf die Welle Klassik ein. Die Zweite Brahms tönte im gepflegt routinierten Spiel der Wiener Symphoniker zwar differenziert (3. Satz), doch ein wenig gebremst im Adagio non troppo. Allerdings schmetterten die Attacken im vierten Satz überprononciert im musikalischen Fluss. Wie weggeblasen war der Duft der Kärntner Sommerfrische. Da wehte so mancher raue Wind durch die Partitur, nachgerade wurde der erste Satz stellenweise mit aggressiver Schärfe abgehandelt. So sorgfältig Fabio Luisi auch immer disponiert, hätte man sich die Tempi doch organischer gewünscht, weniger explosiv hoch geputscht vorgestellt.

Vor der Konzertpause leuchteten die musikalischen Beziehungen zwischen Fabio Luisi und der Pianistin Elisabeth Leonskaja in schöner Harmonie. Zum Glück blieb Beethovens Es-Dur Klavierkonzert Nr. 5 von der ersten Note an von allzu aufdringlichem imperialem Gehabe verschont. Leonskaja bewies hohe lyrische Pianokultur und trat den Beweis an, dass eine gute Mischung aus Kraft, Eleganz und Sensibilität diesem Konzert am besten ansteht. Nur wirkte die Gangart im zweiten Satz arg gedehnt. Dass der Übergang zum dritten Satz förmlich zum Stillstand kam und das Rondo-Thema dann überfallartig hoch schäumte, entbehrte wohl der rechten Logik. Fabio Luisi wirkte rhythmisch lebendig, agil, detailfreudig und verband sich mit der solistischen Ausdrucksfülle Leonskajas zur beglückenden Synthese.

Wahre Goldminen schöpfte Sol Gabetta im zweiten Konzert der Wiener Symphoniker unter Dmitri Kitajenkos Leitung. Da wurden Cello-Welten aus den Angeln gehoben. Die mittlerweile auf vielen Festspielhochzeiten tanzende argentinische Cellistin sorgte in Antonín Dvoráks Cellokonzert für eine Klangdisposition von fulminanter Professionalität. In wunderschönen Farben entfalten sich die slawisch akzentuierte Melodik und die feinen Dialoge, die das Cello mit der Flöte, Horn, Klarinette und Solovioline führt. Wie die Gabetta auf dem Podium auch gestisch die Musik auslebt, wie sie den Bogen ansetzt und ihr Instrument bewegt, ist eine Augenweide. Und nur ein Cellokaliber vom Rang der Gabetta kann es sich wohl leisten, als Zugabe das delikate „Dolcissimo“ von Peteris Vasks zu spielen und es auch noch durch eine vokale Einlage zu adeln.

Die zweite Sinfonie von Jean Sibelius atmete bemerkenswerte Frische. Das Grübelnde, dumpf Brütende und Verhangene, wurde zwar nicht verschwiegen, doch hielt Kitajenko das latent vorhandene Pathos unter guter Kontrolle. Leider widerstand der Dirigent nicht den Versuchungen, das Orchester mit markigen und laut dröhnenden Klanggesten vordergründig auftrumpfen zu lassen. Als recht störrisch erwies sich der zweite Satz, der ja im Sinne des Komponisten eine selbst erlebte Gespenstergeschichte darstellen soll. Zielstrebig, eine Idee zu geheimnislos im Wispern der Streicherfiguren, gelang das Vivacissimo. Dass sich im letzten Satz kompositorisch einige Banalitäten ablösen, wurde im straff-zügigen Tempo mit Raffinement überspielt. Aufhorchen ließen auch sensible Register der Nuancierung in den Holzbläsern.

Welch geschmeidig agierendes Ensemble ist doch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks geworden: ein fülliger, organisch atmender, dabei durchaus kerniger, gut ausbalancierter offener, heller Orchesterklang. Orchestralen Feinschliff und Perfektion führten die Symphoniker in Serge Prokofjews fünfter Sinfonie vor. Wie leicht kann sich das Werk unter den routinierten Händen von „second class“ Dirigenten in laut krachende Gefühlsbomben verwandeln. Vladimir Fedosseyev weiß um diese Gefährlichkeiten. Er servierte das Werk subtil und vital zugleich. Und dies mit einer klanglichen Leuchtkraft, dass man über die Spielkultur des stark verjüngten Orchesters nur staunen kann. Natürlich geht es in der Fünften nicht mehr so dämonisch zu wie in den vorausgegangen, zum Teil galle-bitteren Werken des Komponisten. Umso mehr imponiert die Sinfonie mit ihren Kontrasten, die die Musiker vor allem im Finalsatz mit allem instrumentalem Feinschliff ausstatten.

Solistische Hochleistungen gab es beim diesjährigen Kissinger Sommer am laufenden Band. Fesselnd der Auftritt der niederländische Geigerin Janine Jansen mit Peter Tschaikowskys Violinkonzert-Reißer – ein Werk von wahrhaft rattenfängerischen Qualitäten. Geigerische Rasse (und blendendes Aussehen) kann man der mit Temperament agierenden, bereits mit Plattenehren gekürten jungen Dame wahrlich nicht absprechen. Ihr geigerisches Rüstzeug ist tadellos, die Griffhand produziert auch bei den vertracktesten Akkorden vor den großen Orchestertutti lupenreine Oktaven. Und Janine Jansen hat mit sentimentalen Exkursionen nichts im Sinn. So wurden die Portamenti richtig dosiert, mag sein in der Canzonetta noch etwas absichtsvoll klingend. Die süffigen Kantilenen spielte die Geigerin jedenfalls mit tonlichem Raffinement und ließ sich im Vacissimo zu einem wahren Feuerwerk hinreißen. Das traf den musikalischen Nerv der Zuhörer.

Bad Kissingen, das Festival der kurzen Wege, genießt im Konzert der internationalen Festspielstimmen einen glänzenden Ruf. Freilich reden die mit schöner Regelmäßigkeit immer um die gleichen Ewigkeitswerke kreisenden Programmkonzeptionen dem Publikum ganz schön nach dem Mund. Erlesene Klassik und Romantik auf hohem Niveau – das sind die dynamischen Kräfte, die das Festival nun schon seit 24 Jahren so beliebt machen. Ob eine frische Brise dieser allzu freundlichen Publikumstönung nicht gut täte? Dass ein Markus Hinterhäuser 2001 als mutiger Anwalt der Avantgarde mit sechs Sonaten von Galina Ustwolskaja im Rossini-Saal des Regentenbaus den Zuhörern ein elektrisierendes Töne-Labyrinth vorsetzte, sei nochmals ins Gedächtnis gerufen. Welch mutiger Ausrutscher, wenn in Bad Kissingen einmal das Ensemble Modern aufs Podium gebeten würde. Dass Jonathan Nott sich prächtig auf zeitgenössische Musik versteht und Herbert Blomstedt als profunder Interpret der Werke von Carl Nielsen gilt, sollte wohl bedacht werden.
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