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"Natürlich, ich kenne Bad Kissingen."

Interview mit Omer Meir Wellber

Von Thomas Ahnert

Der israelische Dirigent Omer Meir Wellber, 1981 in Be’er Sheva geboren und einer der weltweit gefeierten Dirigenten und Komponisten der jüngeren Generation, leitet am 14. Juni das Eröffnungskonzert des Kissinger Sommers 2019 mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und dem Pianisten Radu Lupu. Ende März gab er in der Hamburger Elbphilharmonie sein Debüt beim hauseigenen NDR-Elbphilharmonie Orchester mit Joseph Haydns Sinfonie Nr. 80, Alfred Schnittkes Concerto grosso Nr. 1 für zwei Violinen, Cembalo, präpariertes Klavier und Streichorchester sowie Peter Tschaikowskys Manfred-Sinfonie op. 58. Vor dem Konzert war kurz Zeit, den Dirigenten nach seiner Karriere, seinen Vorstellungen und seinen Erwartungen an Bad Kissingen zu fragen.

Omer Meir Wellber 2019 © Peter Meisel - web

Omer Meir Wellber (c) Peter Meisel

 

Herr Meir Wellber, wenn man in Ihrer Biographie allein die Gastdirigate der letzten zehn Jahre liest, kann man schnell den Überblick verlieren. Sie haben ja mehr oder weniger bei allen großen Orchestern und in allen großen Opernhäusern gastiert. Und dann liest man: Seit Beginn der Saison 2018/19 ist er Erster Gastdirigent der Semperoper Dresden, ab Juli 2019 Chefdirigent des BBC Philharmonic Orchestra und ab Januar 2020 Music Director des Teatro Massimo in Palermo. Das sind drei Jobs – andere Dirigenten in Ihrem Alter träumen schon nur von einem.

Ja,  aber das war eine ganz bewusste Entscheidung, weil ich mir dachte: Ich mache jetzt seit zehn Jahren Gastdirigate, nun möchte ich eine musikalische Heimat und die habe ich jetzt mit ihren unterschiedlichen Schwerpunkten gefunden. Gastdirigate mache ich natürlich weiterhin und gerne bei den dreieinhalb Orchestern, denen ich eng verbunden bin, zum Beispiel dem Gewandhausorchester Leipzig in der nächsten Spielzeit oder dem London Philharmonic Orchestra.  Ich habe jetzt diesen Sommer mit der Deutschen Kammerphilharmonie zwei Projekte auf die ich mich sehr freue.

Was ist die Halbe?

Ich habe noch das Raanana Symphonette Orchestra in Israel, das allerdings schon seit 18 Jahren.

Wenn man liest, wo sie schon überall dirigiert haben – es gibt ja kein großes Opernhaus, das Sie nicht von innen kennen – woran liegt das? Womit erklären Sie sich Ihren Erfolg? Was machen Sie anders als andere, vielleicht nicht unbedingt besser, aber erfolgreicher?

Besser weiß ich nicht. Aber für die Opernwelt wird es daran liegen, dass ich von der Oper herkomme, vom Theater, und das bringt mit sich eine Erfahrung, die in der Oper notwendig ist. Ich hatte alle Rollen: ich war Korrepetitor, Wanderdirigent, Assistent, 3. Kapellmeister, 2. Kapellmeister, 1. Kapellmeister. Diese Erfahrungen bringen sehr viel, allein schon für das Atmen. Und man bekam für das Arbeiten eine ganz klare Richtung.

Sie Sie eigentlich ein strenger Dirigent?

Nein.  Otto Klemperer hat einmal in einem Interview eine wunderschöne Antwort auf diese Frage gegeben. Sie haben über Bruno Walter gesprochen und er hat gesagt: Bruno Walter ist ein Moralist und ich bin ein Amoralist. Ich kann sagen: Ich bin ein Moralist.

Das erklärt Ihre Erfolge in der Oper. Aber im Konzert?

Ich bin nicht sicher. Wenn ich von der Oper ausgehe, dann kann ich vielleicht sagen, dass ich diese Qualität der Oper, diese Spontanität, die wir in der Oper jeden Abend haben, mehr oder weniger auch in den sinfonischen Bereich mitbringe. Denn Proben sind für mich nur dazu da, dass wir uns kennen lernen.  Mein Ziel ist es, in der Probe unsere programmatische Welt zu definieren und zu stabilisieren. Aber die Literatur mache ich nur im Konzert. Das ist sehr wichtig für mich, und ich weiß, dass es für ein Orchester manchmal Stress bedeuten kann, vor allem, wenn es Sinfonieorchester sind, die nicht an die Oper gewöhnt sind. Manche Orchester brauchen diese Stabilität, sie wollen vorher genau wissen, welches Tempo ich wann möchte, aber das gebe ich niemals vorher an. Es kann für ein Orchester aber auch sehr interessant sein

Interview Omer Meir Wellber © Gerhild Ahnert_7_web

Omer Meir Wellber beim Interview. (Foto: Gerhild Ahnert)

 

Haben Sie einen besonderen Zugang zur Musik?

Das kommt drauf an. Aber ich kann schon sagen, dass ich nur dirigiere, wenn ich einen Zugang zur Musik finde, wenn ich einen Schlüssel finde.  Wenn ich ihn nicht finde, dann ich dirigiere ich ein Stück auch nicht. Das ist schon verschiedene Male passiert.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel gab es eine Produktion in Frankfurt, eine Neuproduktion, die ich übernehmen sollte. Ein Jahr vor der Produktion habe ich dort angerufen und gesagt: Entschuldigung, aber ich verstehe das Stück nicht, ich muss absagen.

Welches war das?

Das war „Euryanthe“ von Carl Maria von Weber. Ich sagte, jemand anderes könnte das vielleicht besser machen, ich konnte keinen Schlüssel zu dieser Musik finden, ich habe diese Partitur nicht verstanden. (Die Produktion übernahm dann Roland Kluttig, derzeit noch GMD in Coburg, demnächst in Graz.)

Widersprechen Sie mir, wenn ich sage, dass Sie Mut haben, denn es traut sich nicht jeder abzusagen, weil das gerne als Schwäche ausgelegt wird?

Nein. Das ist auch der Grund, warum ich fast nur neue Produktionen mache und sehr wenig Übernahmen. Ich möchte acht Wochen an einem Stück arbeiten können,  denn wenn ich keinen Schlüssel für ein Werk finde und die Produktion deshalb mittelmäßig wird, dann ist das sehr schade.

Das ist ein sehr interessanter Aspekt, den man so auch nur sehr selten hört…

Es passiert ja auch nicht in jeder Spielzeit, aber hin und wieder schon.

Gibt es noch andere berühmte Stücke, für die der Schlüssel für Sie unauffindbar ist?

Ja, zum Beispiel habe ich  sehr oft Hector Berlioz‘ „Symphonie fantastique“ dirigiert und  bisher keinen gefunden. Deshalb dirigiere ich sie nicht mehr. Oder auch Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“, das führe ich auch nicht mehr auf. Dafür beobachte ich, dass ich in der letzten Zeit viel mehr Haydn und Schubert dirigiere, das ist neu für mich.

Ich habe den Eindruck, dass Ihre Programme gerne ein bisschen ungewöhnlich sind, jenseits des Mainstreams.

Ich habe immer eine sehr genaue dramaturgische Idee, die für mich ganz klar ist – für andere vielleicht nicht immer so. Das Konzert heute (in der Elbphilharmonie) ist ein gutes Beispiel, weil die Idee hier eine doppelte war: musikalisches Sprechen und dramaturgisches Sprechen. Das dramaturgische Sprechen ist heute wie eine Zeitreise, denn wir haben bei Haydn dieselbe Orchesteraufstellung wie bei Schnittke: Cembalo in der Mitte, Continuo, Streicher. Gezeigt werden soll, dass hier genau dieselbe Idee am Werk ist, nur mit 200 Jahren Abstand, und das kann man auch  hören. Denn bei Schnittke gibt es viel Musik, die sich an Vivaldi anlehnt. Ich stelle mir vor, dass auf dieser Zeitreise jemand 1750 etwas gespielt hat, wir es aber jetzt hören. Das ist wie eine Klang-Fata Morgana – und Haydn und Schnittke hätten tatsächlich auf diese Idee kommen können. Die Manfred-Sinfonie hat mit zwei musikalischen Elementen zu tun: Das erste ist das Element der Synkopen, mit denen Haydn im vierten Satz diesen wunderschönen Witz macht, den Tschaikowsky im zweiten Satz macht. Das zweite Element ist die Orgel am Ende, die wie eine neue Entdeckung ist..

Wer auf Ihren Terminkalender schaut, fragt sich, wie Sie die Zeit finden, sich in Ihrer Heimat Israel auch noch für viele soziale Projekte zu engagieren. Haben Sie irgendwo in der Welt einen Ruhepunkt, wo Sie sich länger aufhalten können?

Ja, komischerweise bin ich in Dresden in totaler Ruhe. Das ist schön. Dresden spielt für mich eine große Rolle. Das überrascht vielleicht, weil viele mich angesichts der politischen Situation fragen: Omer, wie ist das möglich, was machst du die ganze Zeit in Dresden? Aber Dresden ist für mich wirklich wie ein künstlerischer Rückzugsort. Es ist fantastisch: Ich gehe ins Theater und in die Oper, ich kann alles spielen, was ich möchte und ich kann mich voll auf die Musik konzentrieren. Das ist  wirklich ideal und sehr schön.

Ich würde gerne auf Bad Kissingen zu sprechen kommen. Mir ist eingefallen, dass Sie vor acht Jahren, also 2011, den Kissinger Sommer schon einmal im Visier hatten, auch im Programm mit dem Orchestre de Paris standen – und dann haben Sie abgesagt. Für Sie ist damals Christoph König eingesprungen.

Ich erinnere mich nicht mehr, was damals dazwischengekommen ist. Da müsste ich nachforschen. Aber ich glaube, das hing mit meinen damaligen Verpflichtungen in Dresden zusammen.

Waren sie trotzdem schon einmal in Bad Kissingen?

Natürlich, ich kenne Bad Kissingen. Ich saß schon im Publikum. Das war noch mit meinen Eltern und ist schon lange her.

Am 14. Juni ist das Eröffnungskonzert des Kissinger Sommers mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und Radu Lupu. Angekündigt sind Beethovens 4. Klavierkonzert und Mozarts g-moll-Sinfonie KV 550, also zwei größere Brocken und absolute Favoriten des klassischen Repertoires. Was haben Sie vor, worauf stellen Sie sich ein?

Zuerst muss ich etwas zu Radu sagen – wir arbeiten wirklich gerne zusammen,  zuletzt in Lyon  mit Beethovens 3. Klavierkonzert. Und es gibt auch eine interessante Verbindung zwischen uns: Er stammt aus Braşov in Rumänien, genauso wie meine erste und wichtigste Lehrerin als Kind . Sie kommt vielleicht sogar zu unserem gemeinsamen Konzert. Wenn Radu und ich uns sehen, sprechen wir jedes Mal über diese Geschichte.

Sind Sie da ein zuhörender Dirigent oder greifen Sie doch ab und zu auch ein?

Wenn ich mit Radu arbeite, ist es so schön, ein „Sklave“ zu sein. Das tut einem Dirigenten auch immer mal wieder sehr gut. In anderen Konzerten kann ich auch ein paar Takte lang der Sklave sein, dann aber auch wieder der Herrscher. Aber im Musizieren mit Radu bin ich wirklich gerne Sklave.

Kennen Sie die Bremer schon von früheren Konzerten?

Nein, das Eröffnungskonzert ist die Premiere. Aber wir haben jetzt viel gemeinsam vor: Sofort nach dem Konzert in Kissingen haben wir ein Bach-Projekt in Leipzig – inklusive Uraufführungen von insgesamt acht Orchestrierungen von Fugen aus Bachs Kunst der Fuge –  und  im Sommer eine große Tournee mit Hilary Hahn. Wir haben drei schöne Monate zusammen. Ich habe schon viel gehört über das Orchester und ich kenne einige Musiker sowie Paavo Järvi. Ich weiß eigentlich schon viel über dieses Orchester. Aber zur ersten Begegnung kommt es bei der ersten Probe für Bad Kissingen.

Was wollen Sie mit diesen doch sehr bekannten Großwerken von Beethoven und Mozart dem Kissinger Publikum Neues und vielleicht auch Überraschendes erzählen? Wie wollen Sie es dazu bringen, hinterher nicht nur zu sagen: „Das war großartig“, sondern auch „So haben wir das noch nie gehört.“ Was soll es mit nach Hause nehmen?

Das ist natürlich nicht mein Ziel. Was ich sagen kann: Die Entscheidung für Mozart war relativ einfach, weil ich in den letzten drei, vier Jahren in Dresden ein großes Projekt über Mozart gemacht habe mit vielen Opern und viel Sinfonischem. Ich habe auch ein Buch darüber geschrieben (Omer Meir Wellber und Inge Kloepfer: „Die Angst, das Risiko und die Liebe – Momente mit Mozart“). Wir haben unterm Strich am Ende vielleicht 200 Vorstellungen nur mit Mozart gemacht und jetzt möchte ich in dieser Richtung weiterarbeiten. Ich möchte zum Beispiel gerne in dieser Sinfonie ausprobieren, ob sich darin nicht etwas von der Oper findet: manchmal ein Rezitativ, mal eine Arie.

Es gibt ja wirklich Stellen in Mozarts Sinfonien, da wartet man geradezu darauf, dass der Gesang anfängt.

Ja, das stimmt. Zudem denke ich, dass ich relativ frei bin in Sachen Tempoentscheidungen. Ich habe heute Abend (in der Elbphilharmonie) im ersten Satz von Haydn sechs verschiedene Tempi. Die Entscheidungen sind sehr klar und ich denke, das ist eine interessante Richtung. Denn ich habe nie verstanden, warum wir in einer Mozart-Sonate so viele Rubati spielen und etwas Persönliches sagen können und dürfen, aber bei einer Sinfonie  immer alles starr und wie in einem Museum sein. Die Bremer können da sehr gut mitziehen, denn sie hören sehr gut aufeinander und sind vertraut mit diesen inneren Mechanismen.

Da kommt Ihnen sicher auch die Akustik des Max-Littmann-Saales entgegen, denn die Musiker können sich gut hören. Ich weiß nicht, ob Sie die Akustik des Saales noch in Erinnerung haben.

Ich erinnere mich nicht. Ich war damals zu jung.

Werden Sie auch ein bisschen Zeit haben, sich in der Stadt und in den Kuranlagen umzusehen, um zu dem Ergebnis zu kommen: Hier will ich wieder her kommen?

Ich denke ja, denn wir sind wahrscheinlich zwei Tage in Bad Kissingen und proben ja nicht rund um die Uhr.

Wie lange bräuchten Sie, um Bad Kissingen auf einer Landkarte zu finden?

Omer Meir Wellber antwortet nicht, er lacht. Es ist das Lachen eines, der weiß, dass er rechtzeitig da sein wird, wenn der Kissinger Sommer 2019 beginnt.

 

Thomas Ahnert

 

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