1762 - Nach der Natur gemalt


Der Mensch ist Abbild der Natur. Seine Empfindungen spiegeln sich in der Kunst, sein Platz in der Gesellschaft baut auf einem „Naturzustand“ auf. In diesem Spannungsfeld sahen sich die Menschen im 18. Jahrhundert, als sie begannen, den Zusammenhängen von Gesellschaft, Erziehung, Kunst und Natur bis in philosophische Tiefen nachzuspüren. Ganz nebenbei wurde hier die scheinbar gottgegebene Ordnung eines feudalen Ständesystems mit einem allmächtigen König an der Spitze in Frage gestellt. „Der Mensch ist frei geboren und liegt überall in Ketten“ schrieb Jean-Jacques Rousseau in seinem bahnbrechenden Werk „Du contract social“ („Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes“), das er 1762 veröffentlichte, und das ihm sogleich einen Haftbefehl einbrachte. Rousseaus Gesellschaftsvertrag, nicht weniger als die rechtliche Grundlage des Zusammenlebens der Menschen in einem Staat, verpflichtete die Herrschenden auf das Recht und begründete die Volkssouveränität. (So steht es auch im deutschen Grundgesetz: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“) Das war politischer Sprengstoff in den Jahren vor der Französischen Revolution.

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Doch nicht nur Rousseau und andere Philosophen (Immanuel Kant etwa entwickelte auf der Basis von Isaac Newtons Physik eine komplett neue Erkenntnistheorie) schauten auf die Natur. Die Komponisten des 18. Jahrhunderts versuchten, Naturerscheinungen nachzubilden. Dabei ging es zunächst, in der Barockzeit, noch um einfache Illustration, wie etwa in Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Die Stürme in der Barockmusik wogen durch die Programme unserer Residence-Künstlerin Julia Lezhneva, und die Vögel zwitschern im barocken Tiergarten von Dorothee Mields und Stefan Temmingh. Doch bald rückte der Mensch in den Mittelpunkt, dessen persönliche Gefühle als Abbild der Natur verstanden wurden. „Empfindung“ hieß das Zauberwort, Einfachheit war die Devise. Kontrapunktik und Generalbass, die komplizierten Regeln aus der Zeit Bachs und Händels, waren passé. Wahrscheinlich auch deswegen, weil sie die Hierarchien der feudalen Gesellschaft widerspiegelten. Stattdessen fand die „Gemüthsbewegung“ (dies war ein Lieblings-Schlagwort in der Mitte des 18. Jahrhunderts) des Einzelnen Eingang in die Musik. Der „galante Stil“ entstand, in dem Komponisten wie Carl Philipp Emanuel Bach ihre persönlichen Empfindungen zum Thema von Musik machten. Ein musikalischer Almanach attestierte dem ältesten Sohn Johann Sebastian Bachs in seiner Musik die „Sonnenflamme der Empfindung“. Damit war er der Wegbereiter der Wiener Klassik. „Er ist der Vater, wir sind die Bubn“ soll Wolfgang Amadeus Mozart über ihn gesagt haben. Wir können es nachhören im Konzert mit dem Ensemble Resonanz.

Auch Joseph Haydn interessierte sich für die menschliche Seite der Natur, nicht erst in seinen späten Oratorien („Die Schöpfung“ und „Die Jahreszeiten“). Im Jahr 1761 komponierte er drei Symphonien, die sich mit den Tageszeiten beschäftigten: „Le matin“ ( „Der Morgen“ ), „Le midi“ („Der Mittag“) und „Le soir“ („Der Abend“). Im Kissinger Sommer 2019 können wir diese Tageszeiten nacherleben: ein Tag mit Joseph Haydn, vom langsam erwachenden Morgen über den instrumentalen Gesang am Mittag bis zum abendlichen Sturm erklingen diese drei Symphonien, unterbrochen von Brunch und Kaffeepause, gefolgt von einem late-night concert.

Viel ist passiert in der Zeit um 1762: Immanuel Kant schrieb in diesem Jahr eine Widerlegung aller bis dahin bekannten Gottesbeweise, in Italien bezauberten neue Werke von Johann Christian Bach und Theaterstücke von Carlo Gozzi und Carlo Goldoni ihr Publikum. Seit den dreißiger Jahren arbeitete Carl von Linné an der systematischen Erfassung und Katalogisierung der belebten Natur – noch heute ist sein System der zoologischen und botanischen Nomenklatur in Gebrauch. Eine ähnlich systematische Herangehensweise gab es auch in der Musik. Carl Philipp Emanuel Bach veröffentlichte 1753 seinen „Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen“ (den ersten Band, 1762 folgte der zweite), bereits 1752 hatte Johann Joachim Quantz, der Flötenlehrer Friedrichs II., sein Lehrbuch über die Querflöte vorgelegt, Leopold Mozarts Violinschule folgte 1756.

Seit 1761 publizierte der Architekt und Grafiker Giovanni Battista Piranesi seine virtuellen Räume, die er „Carceri d’invenzione“ („Erfundene Kerker“) nannte. Die visionären Kupferstiche waren für ihn nur eine Nebenbeschäftigung. Sein Geld verdiente Piranesi mit der systematischen Katalogisierung der Ruinen des antiken Roms. Doch die kühnen Schwenkbrücken der „Carceri“ haben bis zu den mobilen Treppen in Hogwarts immer wieder die künstlerischen Phantasien angeregt.

Weniger systematisch, dafür unterhaltsam, ging es in der Literatur zu. Lessing begann 1763 an seinem Lustspiel „Minna von Barnhelm“ zu arbeiten, in Fortsetzungen veröffentlichte Laurence Sterne seinen amüsanten Roman „Tristram Shandy“. Einen kleinen Einblick in „Tristram Shandy“ gibt unser Rezitationskonzert am 16. Juni, Werke von Joseph Haydn komplettieren den charmanten Monolog.

Und als 1763 der Siebenjährige Krieg zuende ging, durfte sich Europa an einer vergleichsweise langen Friedensperiode freuen, die bis zur Französischen Revolution andauerte. In diesem Klima konnte Kultur gedeihen, weil die Künstler ungehindert auf Reisen gehen konnten. So reiste der junge Mozart mit seinem Vater nach England (1763 – 66), und wer als Komponist ganz nach oben wollte, musste ohnehin mindestens einmal in Italien gewesen sein. Auch Christoph Willibald Gluck gehörte zu den Kulturreisenden, und das hatte seinen Horizont wesentlich erweitert. Aus dem Vergleich der italienischen und französischen Oper entwickelte er seine „Reformoper“, es war die Rettung dieser musikalischen Gattung vor den versteinerten Konventionen. Hier sind wir wieder beim Zauberwort „Empfindung“: nicht mehr die virtuose Gesangskunst steht im Mittelpunkt, sondern der handelnde Mensch mit seinen Gefühlen. Wer einmal den herzzerreißenden Ausruf „Euridice!“ gehört hat, mit dem Orpheus vergeblich nach seiner gestorbenen Frau ruft, weiß, dass diese Natürlichkeit mehr wert ist als alle Triller und Tonleitern. Vielleicht ließ sich Gluck, der Übervater der Oper, der von Mozart bis Wagner die nachfolgenden Komponisten beeinflusst hat, auch von der Natur leiten. Sein Vater war Förstermeister, und um ein Haar wäre er sein Nachfolger geworden. Stattdessen schuf er 1762 die Oper, die das musikalische Theater revolutionierte: „Orfeo ed Euridice“. Die Geschichte von Orpheus, der nach Euridices Tod in die Unterwelt geht, der die Furien mit seinem Gesang rührt, um seine Frau zu den Lebenden zurückzuholen, der sich aber auf dem Rückweg aus dem Hades nicht nach ihr umdrehen darf … Auch hier geht es um die Natur – denn Euridice ist als Nymphe eigentlich Teil der Natur, untrennbar mit ihr verbunden und von Orpheus, dem ersten Musiker der Geschichte überhaupt, nur „ausgeliehen“. Wenn wir dem Mythos glauben, hat Orpheus die wilden Tiere, die Naturgewalten und Götter, mit seinem Gesang betört. Dass Gluck ausgerechnet diesen Stoff für seine Opernreform auswählte, ist also kein Wunder: „Nach der Natur gemalt“ ist diese Musik, die Gefühle und die elysische Landschaft gleichermaßen abbilden kann. Im Kissinger Sommer 2019 präsentieren wir eine leicht modernisierte Fassung dieser Oper. Der Komponist Damian Scholl hat die Musik von Christoph Willibald Gluck bearbeitet und eigene musikalische Reflexionen hinzugefügt und so die Musikgeschichte fortgeschrieben: vom antiken Mythos über die zahlreichen Orpheus-Vertonungen bis zur Klangsprache der Gegenwart. – Noch einmal der Almanach des 18. Jahrhunderts, diesmal über Gluck: „er simplificirte die Tonkunst; er reinigte sie von fremden Schlacken, und brachte sie wieder in den Schoos der Natur, aus dem sie entsprang.“

Der Umgang mit der Natur hat uns auch nach dem Jahr 1762 viele weitere Kunstwerke geschenkt – nur einen Bruchteil davon können wir in das Festivalprogramm einbetten. Wir haben exemplarisch einige große Werke der Musikgeschichte ausgewählt, die nach dem Platz des Menschen in der Natur fragen. Eine aktuelle Frage, die bis heute zahlreiche Antworten produziert hat. Schonungslos diagnostiziert die Punk-Band Die Toten Hosen: Der Mensch ist eine „Laune der Natur“.

Versöhnlicher sahen es die Komponisten der Romantik: Die Natur galt als geistiger Rückzugsort für den Menschen, der aus der Welt fliehen möchte. Eine berühmte Flucht aus der Welt in eine naturbestimmte Scheinwelt ist die „Winterreise“, der Liederzyklus von Franz Schubert, der eine winterliche Naturlandschaft zu einem riesigen Seelengemälde eines sich selbst suchenden Künstlers auftürmt. Nach dem phänomenalen Lieder-Recital 2018 von Simon Bode und Igor Levit haben wir spontan beschlossen, die „Winterreise“ als Fortsetzung im Sommer 2019 einzuplanen. Auch in Richard Wagners „Rheingold“ geht es um den Platz des Menschen in der Natur. Nebel, Regen, Jahreszeiten: Von Shai Wosners Solo-Recital über Schumanns „Frühlings-Symphonie“ mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und Hector Berlioz’ „Sommernächten“ bis hin zu Dvořáks „In der Natur“ reichen die musikalischen Anspielungen. Einer der bedeutendsten Natur-Romane war zweifellos Herman Melvilles „Moby-Dick“, dem wir ein Rezitationskonzert widmen. Melvilles Version von Rousseaus Gesellschaftsvertrag ist ein Zitat, das er dem scheinbar unzivilisierten Indianer Queequeg in den Mund legt: „Die Welt ist eine Gesellschaft auf Gegenseitigkeit mit unbeschränkter Haftung, und zwar in allen Breiten.“

 

Konzerte zum Thema 1762 – Nach der Natur gemalt:

14.6.2019 Eröffnungskonzert
15.6.2019 Regen, Nebel, Alpenklänge
16.6.2019 Schwindelerregender Monolog
17.6.2019 Solo-Recital Richard Goode
22.6.2019 Ein Tag mit Joseph Haydn
23.6.2019 Rheingold
25.6.2019 „Moby-Dick“
27.6.2019 Barocke Bravourarien
29.6.2019 LiederWerkstatt 1
29.6.2019 Wurzeln und Äste der Wiener Klassik
30.6.2019 Kantatengottesdienst zum Kissinger Sommer
30.6.2019 LiederWerkstatt 2
3.7.2019 Herzensstürme
6.7.2019 „Orfeo ed Euridice“
6.7.2019 Slawische Orchesterfarben
7.7.2019 „Winterreise“
7.7.2019 Ein Quantum Verstörung
8.7.2019 „Birds“
11.7.2019 Barocke Opernkunst
12.7.2019 Sommernächte
13.7.2019 „Der Dorfwahrsager“ – Kissinger Zukunftslabor
14.7.2019 „Der Dorfwahrsager“ – Kissinger Zukunftslabor
14.7.2019 Abschlusskonzert