1710_1827 Beethoven Metamorphosen

„Als Sie Sich neulich in der stadt befanden, fiel mir leider dieser chor ein, ich eilte nach Hause selben niederzuschreiben, allein verhielt mich länger hiebey, als ich anfangs selbst glaubte, und so versäumte ich I. K. H. (Ihre Kaiserliche Hoheit) zu meinem größten Leidwesen – die üble Gewohnheit.“ (Beethoven an Erzherzog Rudolf 1815)

Wenn ein Künstler wie Ludwig van Beethoven an der Nahtstelle zwischen zwei Epochen lebt, ist die stilistische Bandbreite in seinen Werken oft riesig. Bei Claudio Monteverdi war das so, bei Schönberg ebenfalls. Als Ludwig van Beethoven im Dezember 1770 geboren wurde (bestätigt ist nur der Tauftag, der genaue Geburtstag ist nicht festgehalten), herrschte in Frankreich Ludwig XV., in Kurköln (wozu auch Bonn gehörte) Kurfürst Maximilian Friedrich von Königsegg-Rothenfels, in Österreich Maria Theresia. Absolutismus in barocker Pracht, klare Verhältnisse und Glaubensgrundsätze in der europäischen Gesellschaft. Und doch begann es in dieser Gesellschaft schon zu brodeln, einen Blick darauf hatten wir im Kissinger Sommer 2019 geworfen. Schauen wir auf Beethovens Todesjahr 1827, ergibt sich ein völlig anderes Bild. Nach der französischen Revolution hatte das Ständesystem stark an Bedeutung verloren, die Vorrechte von Adel und Klerus sind nur noch würdevolle Fassade, hinter der das Bürgertum zur staatstragenden Klasse herangewachsen ist. Die industrielle Revolution steht vor der Tür.

Und Beethoven selbst? Der angestellte Musiker der Bonner Hofkapelle, der brav den klassischen Formenkanon bearbeitete und Kompositionen ablieferte „comme il faut“, wandelte sich schnell – sehr schnell – zum „enfant terrible“, zum „Feuerkopf“, der Konventionen in Frage stellte, der seinen eigenen Weg suchte und dafür keine Mühe und keinen Konflikt scheute. In seinen letzten Werken, in den späten Streichquartetten, gibt es Stellen, die den musikalischen Melodienfluss aufgeben zugunsten einer Zerlegung der Musik, wie mit dem Skalpell werden einzelne Intervalle und Motive herausgeschnitten und als eigene Aussage präsentiert – so radikal, dass man kurzzeitig meint, Musik des 20. Jahrhunderts zu hören.

Die Bindung an die klassischen Tonarten verliert an Bedeutung, purer Ausdruck bleibt übrig. Was für eine riesige Spanne an Musik und Weltanschauung, die in diesem 56 Jahre dauernden Leben umschlossen ist!

Für uns gehört Ludwig van Beethoven heute, gemeinsam mit Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart, zu den sogenannten Wiener Klassikern. Für seinen Zeitgenossen E. T. A. Hoffmann dagegen war er der erste Romantiker, also ein damals hypermoderner Komponist. Und Hoffmann, der 1822 starb, lernte nicht einmal Beethovens späte Werke kennen.

Ein Komponist, dessen Melodie jeden Abend als Europahymne im Radio gespielt wird, und dessen Namen wohl fast jeder Erdenbewohner schon einmal gehört hat, ist eigentlich zu groß, um nur einmal kurz zum Thema eines Sommers zu werden. Es gibt weltweit viele Festivals, die sich nur ihm widmen. Wenn wir im Kissinger Sommer 2020 trotzdem einen Blick auf ihn werfen, dann versuchen wir erst gar nicht, alles zu hören, auch wenn wir einen kleinen Überblick mit ein paar Werkzyklen geben können. Vor allem geht es aber um die Frage: Was bedeutet uns Beethoven heute? Können wir von diesem rebellischen, kompromisslosen Künstler und seiner Weltsicht heute etwas lernen?

In seinen rund 45 Schaffensjahren entfaltete Beethoven eine fast unüberschaubare Vielfalt an stilistischen Richtungen, er entwickelte fast alle Formen und Gattungen weiter. Seine neunte Symphonie wurde zum Vorbild für die großen symphonischen Konzepte von Anton Bruckner, Gustav Mahler und Dmitri Schostakowitsch. Seine Klavierkonzerte gaben die Richtung vor für Carl Maria von Weber, Felix Mendelssohn, Robert Schumann und Frédéric Chopin. Seine Streichquartette beeinflussten Brahms, Schönberg und Luigi Nono. Für den Kissinger Sommer ist das Jubiläumsjahr 2020 ein Anlass, diese „Zukunftsmusik“ zum Thema zu machen, aber eben nicht nur mit den „greatest hits“, sondern auch mit besonderen Aspekten und Formaten. Anders als in den Jahren zuvor ist nicht eine einzelne Jahreszahl Aufhänger für das Festivalmotto, sondern diesmal geht es um die 56 Jahre, die zwischen Dezember 1770 und März 1827 Beethovens Leben umfassen.

„Zusammengeraffter, energischer, inniger habe ich noch keinen Künstler gesehen“. (Goethe über Beethoven)

Vielleicht hätte er sich sogar in Bad Kissingen wohlgefühlt, denn Beethoven ging oft und gerne zur Kur. In Baden bei Wien (das sich mit Kissingen und weiteren Kurstädten um den Eintrag in das UNESCO-Weltkulturerbe bewirbt) komponierte er große Teile der neunten Symphonie. In der Kurstadt Teplice traf er Goethe, den mehr als 20 Jahre Älteren, der als Dichterfürst verehrt wurde. Eine Begegnung zweier unterschiedlicher Generationen und Gesellschaftsbilder. – Beethoven über Goethe: „Göthe behagt die Hofluft zu sehr – mehr als es einem Dichter ziemt.“

Goethe über Beethoven:
„Beethoven habe ich in Töplitz kennen gelernt. Sein Talent hat mich in Erstaunen gesetzt; allein er ist leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit, die zwar gar nicht unrecht hat, wenn sie die Welt detestabel findet, aber sie dadurch freilich weder für sich noch für andere genußreicher macht. Sehr zu entschuldigen ist er hingegen und sehr zu bedauern, da ihn sein Gehör verläßt, das vielleicht dem musikalischen Teil seines Wesens weniger als dem geselligen schadet. Er, der ohnehin lakonischer Natur ist, wird es nun doppelt durch diesen Mangel.“ Goethe hat zu dieser Zeit die Rebellion aufgegeben, Beethoven nicht.

Wie würdigt man also eine schroffe, schwierige Persönlichkeit in einem Festival, wenn deren Bild ein Vierteljahrtausend nach ihrer Geburt durch Kitsch und Kommerz verzerrt ist? Im Kissinger Sommer 2020 gehen wir zwei Wege.

Der erste: Wir präsentieren einige Gattungen in kompletten Werkzyklen, pur und unverfälscht. Beethovens Cellosonaten können Sie in diesem Jahr komplett in chronologischer Folge kennenlernen, Matthew Barley und Shai Wosner erklären und spielen diese Sonaten in den beiden Klosterkonzerten am 28. Juni. Den Zyklus mit Beethovens Violinsonaten hatten wir bereits 2019 begonnen, Frank Peter Zimmermann und Martin Helmchen liefern in diesem Jahr die Werke der mittleren und späten Periode nach. Um alle 32 Klaviersonaten zu spielen, braucht es acht Konzerte von normaler Länge. Wir haben uns auf fünf Konzerte beschränkt und bieten Ihnen mit dieser repräsentativen Auswahl gleichzeitig einen Überblick über eineinhalb Jahrzehnte Kissinger KlavierOlymp. Von Herbert Schuch bis Juan Pérez Floristán gestalten Pianisten des KlavierOlymps diese Solo-Rezitale, jedes Programm ist auf die Wünsche und den Personalstil des einzelnen Künstlers zugeschnitten. Im Sonderkonzert am 8. Mai stimmt uns Khatia Buniatishvili auf das Beethovenjahr ein.

Von den Symphonien und Streichquartetten präsentiert der Kissinger Sommer 2020 ebenfalls eine Auswahl. Nachdem wir 2019 die Symphonien Nr. 3 und 7 in wegweisenden Interpretationen erleben konnten, stehen nun Nr. 1 und Nr. 8 auf dem Programm, vor allem aber im Abschlusskonzert die berühmte Neunte mit dem Schlusschor auf Schillers Ode „An die Freude“. In den Konzerten des Danish String Quartet, des Hagen Quartetts und des Kuss Quartetts hören Sie eine kleine Auswahl von frühen bis späten Streichquartetten. Die späten Klavierkonzerte spielen für Sie Kit Armstrong, François-Frédéric Guy und der erste Preisträger des Kissinger KlavierOlymps 2019, das Violinkonzert interpretiert Arabella Steinbacher.

Der zweite Weg, sich Beethoven zu nähern, ist etwas abenteuerlicher, der Weg der Metamorphose. Wir verwandeln uns hörend und ändern den Blickwinkel auf den Komponisten, indem wir seine Werke in einen neuen Zusammenhang stellen oder ihnen eine Bedeutungsebene hinzufügen. Für den Kissinger Sommer ist es mittlerweile gute Tradition, über den Tellerrand hinauszuschauen. In Kooperation mit dem Bozar in Brüssel, dem Konzerthaus Dortmund und weiteren Partnern entstand ein neues szenisches Projekt zu Beethovens Streichquartetten. Die experimentierfreudige Theaterkompanie Nico & the Navigators hat gemeinsam mit dem Kuss Quartett unter dem Titel „Force & Freedom“ eine poetische Interpretation von Beethovens späten Quartetten erarbeitet, ein inszeniertes Konzert für Streichquartett, E-Gitarre, Performer und Sounddesigner.

Auch in der Kissinger LiederWerkstatt setzen wir uns mit dem großen Vorbild auseinander. Unter dem Titel „Geliebte Ferne“ formulieren unsere Komponisten eine heutige Sicht auf die romantische Sehnsucht nach dem anderen Ort. Am 18. Juli greift schließlich – pars pro toto – unsere kleine „Palastrevolution“ im Regentenbau den Titel des diesjährigen Festivals auf: Beethoven-Metamorphosen. In fünf Konzerten können Sie zwischen 10 Uhr morgens und Mitternacht kreative Verwandlungen von Beethovens Werken oder neue Blickwinkel auf ihn durch die Augen und Ohren seiner Nachfolger kennenlernen. Die Geigerin Elena Denisova wird eine Violinfassung seines zweiten Klavierkonzertes spielen, Beethoven und die Folk Music beleuchten Ragnhild Hemsing und Tor Espen Aspaas, das Minguet Quartett führt uns in die Moderne, und die vier Musiker von Uwaga! legen uns nahe, dass Beethoven eigentlich auf dem Balkan zu Hause ist.

All diese Anverwandlungen sind Denkanstöße, phantasievolle Hilfen, sich die Welt hörend zu erschließen. Wenn wir Beethovens Persönlichkeit als Vorbild nehmen und in der Kunst kompromisslos sind, fällt uns nach dem Konzert die Rückkehr in die „detestable“ Welt leichter.


Konzerte zum Thema 1770_1827 Beethoven-Metamorphosen:

8.5.2020  Sonderkonzert
20.6.2020 Nordischer Streicherklang
20.6.2020 „The best of Beethoven“
21.6.2020 Beethoven – Klaviersonaten 1
23.6.2020 Beethoven – Klaviersonaten 2
24.6.2020 Schottische und irische Lieder
25.6.2020 „Force & Freedom“
27.6.2020 Preisträgerkonzert
27.6.2020 Der klassische Weg
27.6.2020 And Now Beethoven
28.6.2020 Beethovencello 1 und 2
29.6.2020 Weltklassestreicher aus Salzburg
30.6.2020 Beethoven – Klaviersonaten 3
1.7.2020 „Janoska Style“
2.7.2020 Beethoven – Violinsonaten 1
3.7.2020 Beethoven – Violinsonaten 2
4.7.2020 LiederWerkstatt 1
5.7.2020   LiederWerkstatt 2
5.7.2020   Nicht von dieser Welt
8.7.2020   Beethoven – Klaviersonaten 4
11.7.2020 Festivalorchester
12.7.2020  Virtuosität und Brillanz
14.7.2020 Beethoven – Klaviersonaten 5
17.7.2020  Kissinger Beethoven
18.7.2020 Beethoven-Metamorphosen 1&5
18.7.2020 „Leonore“ / „Fidelio“ 2020
19.7.2020 „Leonore“ / „Fidelio“ 2020
19.7.2020 Abschlusskonzert