1918 - Aufbruch in die Moderne


Im Frühjahr 2017 ging die Geschichte eines kurdischen Flüchtlings durch die Medien, der sich als Straßenmusiker Geld für seinen Traum, in Belgien Musik zu studieren, erspielte. Der ertrank, als das Flüchtlingsboot im Mittelmeer kenterte, und der noch im Tod seine Geige umklammert hielt. Das ganze Elend unseres noch jungen Jahrhunderts kann man symbolisch in dieser Geschichte konzentriert finden, und wenn man hundert Jahre zurückblickt, erkennt man, dass die Figur des verzweifelten Geigers, der sich in einer chaotischen Welt retten will, schon da war. Sie steht symbolisch für einen (verzweifelten) Aufbruch in die Moderne. Genau diesen Rückblick auf den Beginn des 20. Jahrhunderts möchten wir im Kissinger Sommer 2018 wagen. „1918 – Aufbruch in die Moderne“ lautet das Motto.


Mottoabbildung 2018


Was war das für ein Gefühl vor 100 Jahren? Der Erste Weltkrieg war zu Ende, massenhaft war die Bevölkerung Europas dezimiert worden, der Aufbruch in neue Staats- und Regierungsformen stand bevor. Alte Grenzen (auch in den Köpfen) und Monarchien wurden abgeschafft. In vielen europäischen Staaten wurde das Frauenwahlrecht eingeführt. Der Psychoanalyiker Sigmund Freud deckte die Macht des Unbewussten auf. Der Physiker Albert Einstein erschütterte mit seiner Allgemeinen Relaivitätstheorie die Grundkonstanten menschlichen Denkens, die Absolutheit von Zeit und Raum. In diesem Umfeld begannen auch die Künstler neu zu denken. Maler wie Wassily Kandinsky übertrugen den Bewegungsgestus auf die Leinwand und entwickelten so die abstrakte Malerei. Nicht zufällig wurde zu dieser Zeit auch die Musik abstrakt, atonal, von den Zwängen der Harmonielehre befreit. Viele unterschiedliche ästhetische Richtungen stritten miteinander, ob Konstrukivismus, Kubismus, Neoklassizismus oder Futurismus … Im Kissinger Sommer 2018 stellen wir einige dieser „ismen“ in künstlerischen Manifesten und mit der zugehörigen Musik vor. Eines der geistreichsten Werke des jungen Neoklassizismus darf in diesem Fesival nicht fehlen: Igor Strawinskys quirlige Pulcinella-Suite.

Einige der Schlüsselwerke, die in dieser spannenden Zeit entstanden sind, und die inzwischen zu Klassikern der Moderne geworden sind, haben wir in das diesjährige Fesivalprogramm aufgenommen. Es ist keine schwer verständliche moderne Musik, es sind vor allem bahnbrechende Werke wie Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ oder seine „Historie du Soldat“, die „Geschichte vom Soldaten“, die die Menschen damals bewegt haben. Immer mal wieder taucht die Figur des einsamen Geigers auf, der die Welt rettet, so etwa 1927 in Ernst Kreneks Oper „Jonny spielt auf“. Im Kissinger Sommer 2018 dürfen wir in einer Produktion, die für uns und die Philharmonie Essen entstand, erleben, wie Josef, der Soldat, die Prinzessin durch sein Geigenspiel heilt. In Igor Strawinskys „Feuervogel“ hilft die magische Kraft der Musik den versteinerten Menschen, aus dem Überwachungsstaat des Magiers Kaschtschei zu entkommen. Als kleine Hommage an den einsamen Geiger haben wir einige der großen Klassiker unter den Violinkonzerten ins Programm genommen: Werke von Robert Schumann, Felix Mendelssohn und Johannes Brahms, aber auch von Gediminas Gelgotas und „Le quattro stagioni“, die berühmten „Vier Jahreszeiten“, von Antonio Vivaldi.

Wenn Josef, der Soldat, zum Tanz aufspielt, findet die Welt wieder zu ihrer richtigen Ordnung zurück. Vielleicht gab es ein Urvertrauen in diesen Bewegungsgestus, vielleicht hat deswegen der Tanz das Kulturleben zwischen den Weltkriegen so stark geprägt. Der Impresario Sergei Diaghilev hat mit seinen „Ballets russes“, den russischen Balletten, zwischen den zehner und dreißiger Jahren immer wieder für Gesprächsstoff gesorgt. Er hatte ein Gespür für die Themen der Zeit, ihm verdanken wir einige der wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts: Igor Strawinskys „Feuervogel“ (1910), „Le Sacre du Printemps“ (1913), Maurice Ravels „La Valse“ (1919–20), Manuel de Fallas „El Sombrero de tres Picos“ („Der Dreispitz“, 1916–19). Zusätzlich präsentieren wir Kristjan Järvis Fassung von Tschaikowskys „Schwanensee“, und wir reflektieren auch in der LiederWerkstatt das Thema Tanz, das einige Spuren im europäischen Klavierlied hinterlassen hat.

Der Aubruch in die Moderne bedeutet auch: Abschied von der alten Welt. Die Zeit, als die große spätromantische Symphonie noch einen kompletten Weltentwurf liefern konnte, ist 1918 vorbei. Wir blicken im Festival 2018 kurz zurück auf das 19. Jahrhundert mit einigen der bewegendsten Abschiedssymphonien: Dvoráks 9. Symphonie und Tschaikowskys „Pathétique“ (beide von 1893). Auch Edward Elgars Cellokonzert, 1919 entstanden, ist ein komponiertes Abschiednehmen.

Zum Entstehen der Moderne gehörte auch die politische Neuordnung Europas. 1918 erklärten die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen ihre Unabhängigkeit von Russland. Für den Kissinger Sommer ist das der Anlass, in einigen Konzerten die Kreativität der baltischen Musik zu zeigen. Die estnische Musikerfamilie Järvi steht für dieses kreative Potential. Paavo Järvi, der Chefdirigent der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, hat dies bereits im letzten Kissinger Sommer eindrücklich bewiesen. Zwei Konzerte mit dem Baltic Sea Philharmonic Orchestra unter der Leitung seines Bruders Kristjan Järvi haben wir zusätzlich ins Programm genommen, außerdem eine Hommage an den Komponisten Arvo Pärt mit der Sinfonietta Riga. Eines der besten Vokalensembles aus Estland, das mit dem Grammy ausgezeichnete Vox Clamantis, wird die Erlöserkirche zum Klingen bringen.

Aus der Spannung zwischen Abschied und Aufbruch resultierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine ungeheure Blüte der Kultur. 1933 wurde sie abrupt beendet. Lassen Sie sich vom Rückblick auf diese Aufbruchsstimmung im Kissinger Sommer 2018 inspirieren!

 

Konzerte zum Thema 1918:

15.06.2018 - Eröffnungskonzert
16.06.2018 - Neue alte Musik
17.06.2018 - In der Schule wurden die Bänke leer
20.06.2018 - Insel, Wald und Großstadtkunst
22.06.2018 - Tradition und Zukunftsmusik
23.06.2018 - Les Vents Français 1
23.06.2018 - Aufbruch in eine neue Klangsprache
24.06.2018 - Les Vents Français 2
24.06.2018 - Die Geschichte vom Soldaten
25.06.2018 - Ein einziger Ton
27.06.2018 - „Pulcinella“
29.06.2018 - Aus dem Zeitalter der Klangfarben
30.06.2018 - Lyrische Suite
01.07.2018 - „Songs and Dances“
02.07.2018 - Licht und Erleuchtung – Extrakonzert Kissinger LiederWerkstatt
03.07.2018 - Heimatliebe
06.07.2018 - „Schwarzweiß“ – Auftakt – Die künstlerischen Manifeste
07.07.2018 - „Schwarzweiß“ – Das Klavier und die Moderne 1–2
07.07.2018 - Nordic Pulse
09.07.2018 - Waterworks
11.07.2018 - Der Schrei des Hirsches
12.07.2018 - Jugendstil
12.07.2018 - „Music for a while“ – Late night concert
14.07.2018 - „Parade“ – Kissinger Zukunftslabor
15.07.2018 - „Parade“ – Kissinger Zukunftslabor
15.07.2018 - Abschlusskonzert