Fin de Siècle – Erinnerungen an eine Epoche

Erinnerungen bedeuten Abschied und Neubeginn zugleich. Sie beziehen sich auf Vergangenes, auf abgeschlossene Vorgänge. Aber wir stehen
mit beiden Beinen in der Gegenwart, und ein nostalgischer Rückblick bedeutet auch, dass man die alten Ansichten und Klänge, die „alten Lieder“,
von denen Heine schreibt, hinter sich gelassen hat. Nach dem träumerischen Blick in die Vergangenheit darf man also wieder nach vorne schauen.

Wir erinnern uns in diesem verkleinerten Festival an das musikalische Repertoire des 19. Jahrhunderts, also an die Lieblingsmusik des treuen
Festivalpublikums. Als ich 2016 nach Bad Kissingen kam, gab es im Kissinger Sommer einen starken programmatischen Schwerpunkt bei
Brahms und Tschaikowsky und anderen spätromantischen Komponisten. Ich habe deshalb versucht, den hörenden Blick auch auf andere Dinge zu lenken, auf Musik, die nicht weniger groß und bedeutend ist als die der beiden genannten Komponisten, die aber ihren Weg nach
Bad Kissingen noch nicht gefunden hatte. Daraus sind fünf Festivalprogramme mit Motti entstanden, die jeweils eine historische Epoche
in den Fokus nahmen: 2017 die romantische Revolution um 1830 (der Beginn des professionellen Kurbetriebs in Bad Kissingen), 2018 der Aufbruch in die Moderne (mit Musik des frühen 20. Jahrhunderts), 2019 die in Tönen gemalte Natur, die ich beispielhaft am Jahr 1762 festgemacht hatte. 2020 hätten wir im Jahr seines 250. Geburtstags Ludwig van Beethoven gefeiert – einige wenige Nachklänge davon können Sie in diesem Sommer hören. Der folgerichtige Abschluss dieses kleinen Streifzugs durch die Musikgeschichte ist das späte 19. Jahrhundert, die Zeit also, in der Otto von Bismarck von Bad Kissingen aus Weltpolitik machte. Motto Bild 2021

Deshalb lautet das Motto des Kissinger Sommers 2021: „Fin de Siècle – Erinnerungen an eine Epoche“. Von 1886 bis 1912 regierte Prinzregent Luitpold Karl Joseph Wilhelm von Bayern in München. Nicht als König, sondern als „des Königreichs Bayern Verweser“, bei freiwilligem Verzicht auf einige Privilegien eines Monarchen. Diese neue Bescheidenheit war vielleicht ein Vorbote der neuen bürgerlichen Zeit. Eine „Götterdämmerung“ der Monarchie war in ganz Europa absehbar. 

Von 1910 bis 1913 wurde der Regentenbau in Bad Kissingen errichtet, wie es sich gehört, wurde eine prächtige Königsloge eingebaut. Doch wenige Jahre nach der Einweihung – in Anwesenheit des Prinzregenten Ludwig III. – gab es keinen König mehr, der dort Platz nehmen konnte. 1918 mit Ende des Ersten Weltkrieges wurde die Monarchie in Bayern, ebenso im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn, abgeschafft. Der Kissinger Sommer 2021 blickt in einigen seiner Konzerte auf die Prinzregentenzeit zurück. Mehrere große Komponisten der Jahrhundertwende setzten ihre Glanzlichter im Münchner Kulturleben dieser Zeit. Max Reger lebte in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts in der bayerischen Hauptstadt als Pianist, Organist und Komponist. Der in München geborene Richard Strauss feierte seine ersten Erfolge in der Landeshauptstadt, bevor er 1898 nach Berlin ging. Gustav Mahler trat mehrfach als Dirigent in München auf. Am 12. September 1910 dirigierte er dort die Uraufführung seiner 8. Symphonie, die wegen der zahlreichen Mitwirkenden „Symphonie der Tausend“ genannt wurde. Ein Großereignis, ein Werk, das in Besetzung und Dauer den bislang üblichen Rahmen sprengte. Doch diese Sprengkraft war nicht möglich ohne den Zündfunken von Mahlers Kreativität, der im Lied und in der Volksmusik lag. Diese Seite Mahlers bringen wir mit der Produktion „Ich wand’re in die Berge“ im Regentenbau zum Klingen. Auch Simon Bode und Igor Levit beschäftigen sich mit Mahlers Liedschaffen.

Das Fin de Siècle in München und anderswo wurde stark geprägt durch den Übervater der spätromantischen Musik, durch Richard Wagner, der dank der klugen Förderung durch Ludwig II. in Bayern sein revolutionäres Musiktheater entwickeln konnte. Mahler, Reger, Busoni, aber auch Brahms, Tschaikowsky und Sibelius werden Sie im Kissinger Sommer 2021 begegnen, ebenso einigen weiteren in der Luitpoldzeit entstandenen Werken, so z. B. Rimski-Korsakows berühmter Tondichtung „Scheherazade“. 

Wie immer blicken wir auch über die engen Grenzen eines Mottos hinaus. Erinnerung im weiteren Sinne durchzieht die Programme des jetzt geplanten Festivals und des vielleicht noch folgenden Programms. Denn wenn die Restriktionen der Pandemie sich lockern sollten, erlaubt der von der Stadt Bad Kissingen gesetzte Finanzrahmen, dass noch weitere Konzerte hinzukommen.

Andere Formen der Erinnerungsarbeit finden in aktuellen Programmen heutiger Künstler statt. Wenn etwa die „klassische Band“ Spark gemeinsam mit dem Countertenor Valer Sabadus die typischen Arien der Barockzeit mit Musik von Depeche Mode und Rammstein kombiniert, ist das Ergebnis ein höchst ungewöhnliches Spiel mit der Zeit. Wenn das Signum Saxophone Quartet mit der Cellistin Tanja Tetzlaff die „Bachianas“ des brasilianischen Komponisten Heitor Villa-Lobos erkundet, erklingen erinnernde Neukompositionen des Bachschen Geistes. Selbst für das zukünftigste Projekt des Kissinger Sommers, die Kissinger LiederWerkstatt, ist die Erinnerung an Vergangenes essentiell. Denn Sie begegnen der neuesten Musik im Moment der Premiere trotzdem im Kontext der Musikgeschichte. Die traditionellen Klavierlieder, die Axel Bauni den Uraufführungen an die Seite stellt, machen deutlich, dass das Neue ohne das Alte (das ja auch einmal neu war) nicht denkbar ist.
So öffnet der Kissinger Sommer das Tor der Erinnerung, durch das Sie hörend in verschiedene Epochen und Geisteshaltungen eintauchen können.

Dr. Tilman Schlömp
Intendant des Kissinger Sommers
 

Konzerte zum Thema Fin de Siècle – Erinnerungen an eine Epoche:

20.6.2021 Recital Lily und Mischa Maisky
25.6.2021 Romantische Höhenflüge
26.6.2021 „Ich wand’re in die Berge“
27.6.2021 Russische Klassiker
30.6.2021 Näher ans Paradies
2.7.2021 Jubiläumstour mit Petrenko
3.7.2021 Freundschaftskonzert
4.7.2021 BACHianas – Jazz-Lunch im Hotelgarten
4.7.2021 Jahrhundertwende
4.7.2021 Ein Hauch von „Proms“
5.7.2021 Jugendstil
7.7.2021 Vierhändige Tänze
18.7.2021 Abschlusskonzert