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Mazel Tov

Programm und Gäste 2026

Mazel Tov – das Jubiläumsprogramm des Kissinger Sommers 2026

Der Kissinger Sommer wird vierzig. Das Festival in der unterfränkischen Kurstadt bietet nicht nur hohe Kunst, es ist selbst
ein Kunstwerk. Seine Gründung kam einem kleinen Geniestreich gleich. Die Stadt, im »Randgebiet« der alten Bundesrepublik gelegen, brauchte und wollte Sommergäste. Kissingen vertraute auf den Magnetismus großer Kunst – und sie kamen: Gäste, die Musik von höchster Qualität hören und genießen wollten, Künstlerinnen und Künstler wie Ensembles von Weltniveau, die Dr. Kari Kahl-Wolfsjäger, die Gründungsintendantin, für Auftritte im verlockenden Ambiente der traditionsreichen Bäderstadt begeistern konnte.

Gespür für Zeichen der Zeit

Kaum jemand hätte 1986 darauf gewettet, dass die innerdeutsche Grenze nur noch drei, die politische Blockbildung in Europa nur noch vier Jahre bestehen würde. Aber in Bad Kissingen hatte man eine Antenne für Signale der Zeit. Man machte die Musik aus osteuropäischen Ländern zum Thema: Ungarn, die Tschechoslowakei und Polen – Länder, die bis 1939 zum zentraleuropäischen Kulturraum zählten. Kontakte wurden geknüpft, Zusammenhänge wurden wieder lebendig, die dem Alten Kontinent einst die kulturelle Vitalität verliehen hatten. Unter dem Horizont der Geschichte schienen die bestehenden Machtkonfrontationen aus der Zeit gefallen. Die Weite des Blicks hat sich das Festival bis heute bewahrt: mit dem Repertoire, das dargeboten wird, mit den Programmschwerpunkten, die gesetzt werden, vor allem aber durch die Art seiner konkreten Ausgestaltung. Die unterschiedlichsten Kunstrichtungen von der feinsinnig-exklusiven Kammermusik und der sensiblen Liedkunst über die große Symphonik und Theaterevents bis zu den vielen Facetten moderner und zeitloser Unterhaltungskultur begegnen sich hier in anregender Koexistenz. In einer Zeit, in der viel über gesellschaftliche Spaltungen aller Art gesprochen wird, kann eine derart offene und inspirierende Kooperation Zeichen setzen. Wir brauchen keine neuen Grenzen, auch nicht in der Kunst – wir brauchen das, was Ludwig van Beethoven einst so ausdrückte: »Nur Freiheit, nur Weitergehen ist in der Kunst wie in der ganzen Schöpfung Zweck.«.

Der Kissinger Sommer nimmt das eigene Jubiläum zum Anlass, nachzudenken über den jüdischen Beitrag zur Geschichte der Stadt und zu der Kultur, die hier gepflegt wird.

Feiern mit den Großen der Kunst

Vierzig Jahre Kissinger Sommer werden gefeiert – mit einem Event, der künstlerische Spitzen- und Breitenarbeit zusammenbringt: An Orffs »Carmina Burana« unter Sir Simon Rattle wirken nicht nur Profis, sondern auch ambitionierte Choristen mit. Die großen Orchester, die den Kissinger Sommer über Jahre mitgestalteten, kommen auch 2026: die BBC-Symphoniker, seit vielen Jahren regelmäßig dabei, die führenden Orchester aus München und Berlin, die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, die Tschechische Philharmonie und die Bamberger Symphoniker. Letztere wurden einst wie Repräsentanten gegnerischer Systeme gegeneinander in Stellung gebracht: Die Bamberger wurden von Exilmusikern aus Prag gegründet, als Schaufenster der freien Welt gegen die kommunistische Kunstgängelung. Das ist vorbei. Heute haben die Bamberger mit Jakub Hrůša einen tschechischen Chefdirigenten, zu den Pragern pflegen sie längst ein freundschaftliches Verhältnis. 

Künstlerinnen und Künstler der ersten Stunde, Publikumslieblinge über die Jahre, Musikerinnen und Musiker, denen der Kissinger Sommer ein wichtiges Sprungbrett war, und diejenigen, die am Anfang einer verheißungsvollen Karriere stehen, wirken in der Jubiläumsausgabe des Festivals zusammen. Elisabeth Leonskaja gestaltet das Eröffnungskonzert mit, Rudolf Buchbinder ruft mit der Camerata Salzburg Stationen von Mozarts Klavierkonzert-Schaffen auf, Anne-Sophie Mutter stellt mit den Berliner Barock Solisten Mozarts Violinkonzerten das Zweite Konzert von André Previn voran, der 1933 als Kind mit seinen Eltern aus Berlin fliehen musste. Cecilia Bartoli, die Vielumjubelte, kommt nach zehn Jahren wieder mit drei exklusiven Programmen, darunter eine halbszenische Aufführung von Christoph Willibald Glucks Meisteroper »Orfeo ed Euridice«. Igor Levit, KlavierOlymp-Preisträger von 2004 und Residenzkünstler 2014, lässt die inspirierende Wirkung der Gesangskunst auf die pianistische Virtuosität aufscheinen. Mit Namen wie Piotr Anderszewski, Avi Avital, Lisa Batiashvili, Daniel Behle, Isabelle Faust, Julia Fischer, Grigory Sokolov, Christian Tetzlaff oder Jean-Yves Thibaudet liest sich die Liste der Virtuosen des Instruments, wie der Stimme, wie ein generationsübergreifendes »Who’s who?« der heutigen Klassikszene.

Glückwunsch – Mazel Tov!

Glückwunsch also zu vierzig Jahren Kissinger Sommer. In dem Wort steckt eine doppelte Blickrichtung: eine erinnernde – wir beglückwünschen uns zu Geleistetem – und eine zukunftsgerichtete – sie gehört zum Wünschen. In diesem Sinne wurde Glückwunsch zum Festivalmotto für 2026 – auf Hebräisch, so, wie er auch im Jiddischen ausgedrückt wurde: Mazel Tov. Es gibt den schlimmen Masel, der als Schlamassel in die deutsche Sprache einging, und das »gut Glück«, den Mazel Tov. Die Sprache ist bewusst gewählt: Kulturelles Erinnern begrenzt sich nicht auf wenige Jahrzehnte, sondern holt weit aus, jedes gängige Konzertprogramm bestätigt das. Der Kissinger Sommer nimmt das eigene Jubiläum zum Anlass, nachzudenken über den jüdischen Beitrag zur Geschichte der Stadt und zu der Kultur, die hier gepflegt wird.

Juden waren seit dem 13. Jahrhundert Teil der Kissinger Stadtentwicklung. Sie prägten das geistige, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben maßgeblich mit, insbesondere als ihnen gleiche Rechte wie allen anderen gewährt wurden. Prominente Gäste jüdischer Herkunft reisten zur Sommerfrische nach Bad Kissingen, Albertine Mendelssohn Bartholdy zum Beispiel, die Schwägerin Felix Mendelssohns, Albert Einstein, Paul Heyse, der Dichter und Nobelpreisträger, der Maler Max Liebermann, Katia Mann, die aus der kulturaffinen Familie Pringsheim stammte, Giacomo Meyerbeer, der der französischen Oper zur Größe verhalf, Oscar Straus, der Operette, Kabarett und zeitkritischer Revue pfiffige neue Töne verlieh, James Simon, der große Kulturmäzen. Bad Kissingen war nicht Bad Ischl, wo jeden Sommer die Koalitionen für neue Operettenprojekte geschmiedet wurden, sondern ein Retrait, ein Ort des Rückzugs, an dem man gleichgestimmte Menschen treffen, aber auch für sich sein konnte, kein Marktplatz der Eitelkeiten, sondern ein kultivierter Ort, an dem Begegnung, Privatheit und Diskretion gleichermaßen gepflegt wurden.

»Antisemitismus ist Wahnsinn!«

Theodor W. Adorno warf einmal die Frage auf, »ob nicht das Land, das seine Juden vertrieb, eben so viel verlor wie diese«. Angesichts der Schoa wirkt der Gedanke verwegen. Aber er berührt einen kulturellen Nerv. Was wäre das hiesige Musikleben ohne Felix Mendelssohn, ohne seine Symphonien, Oratorien, seine Kammermusik, seine geistlichen und weltlichen Chorstücke, ohne die Institutionen und Initiativen, die er anstieß, wie das Leipziger Konservatorium oder die Bach-Renaissance im 19. Jahrhundert? Sein Großvater Moses Mendelssohn, treibende Kraft der jüdischen Aufklärung, war einst aus Dessau, der späteren Bauhausstadt, nach Berlin gezogen. Joana Mallwitz und das Konzerthausorchester Berlin bringen Mendelssohns wohl bekanntestes Werk, das Violinkonzert e-Moll, mit einem Komponisten zusammen, dessen Name ebenfalls mit Dessau verbunden ist: Kurt Weills Vater wirkte dort als Kantor; Weill schrieb seine Zweite Symphonie auf der Schwelle zum Exil, in Paris, und er blickt auf die Musik zurück, die ihn bekannt machte: auf seine Bühnenwerke. Ein Dritter ergänzt quasi als Schattenriss das Bild zu einem »Dessauer Trio«: Aus der Stadt, die früher auch Dessow geschrieben wurde, kam die Familie von Otto Dessoff, der die Wiener Philharmoniker zum maßstabsetzenden Klangkörper formte, von dessen Ruf das Orchester bis heute zehrt. Er dirigierte auf Wunsch des Komponisten die Uraufführung von Brahms’ Erster Symphonie; Sakari Oramo und die BBC-Symphoniker kombinieren sie mit dem Cellokonzert von Antonín Dvořák; Brahms hatte ihn gefördert – Brahms, der oft knurrige Wahlwiener aus Hamburg, der 1895 die antijüdischen Hetze des späteren Bürgermeisters Karl Lueger deutlich kommentierte: »Antisemitismus ist Wahnsinn!«. Das Budapest Festival Orchestra erinnert auf seine besondere Art daran, dass es in der Familie Mendelssohn nicht nur eine musikalische Hochbegabung gab: Fanny, Felix’ Schwester, stand ihrem Bruder an Talent nicht nach, aber gesellschaftliche Konventionen vereitelten ihre öffentliche Karriere.

Adornos provokante Frage reicht jedoch tiefer, sie rührt an die Basis von Bildung und Tradition. Jüdische Geistigkeit prägte sich in die europäische Geschichte nicht nur durch die christlich gefilterte Glaubensform, sondern auch durch grundlegende Denk- und Erlebnisweisen ein. Selbst die Bibelübersetzung und Lehre eines Martin Luther, der die Juden später auf abscheuliche Art verteufelte, wäre ohne den Dialog mit Rabbinern seiner Zeit kaum denkbar. Die Kunst der weisen Lehrer des Judentums, aus der Betrachtung eines Wortes eine kleine geistige Welt aufscheinen zu lassen, findet sich wieder im klassischen Ideal, ein musikalisches Werk aus einem knapp gefassten Urgedanken zu entfalten; Brahms war darin ein Meister. Das gewitzte Spiel mit der Sprache, von der die Unterhaltungskultur im 19. und frühen 20. Jahrhundert zehrte, hat seine Quelle nicht zuletzt in der Fähigkeit des »Lächelns durch Tränen«; Juden entwickelten sie in den Jahrhunderten wiederkehrender Pogrome zur Wahrung der eigenen Würde; ein Komponist wie Dmitri Schostakowitsch sah darin den Inbegriff der Kunst.

Esprit, der unterhält

Der Sprachwitz der Autoren lockte den Esprit der Komponisten aus der Reserve. So entstanden Meisterstücke vom Chanson über den Kabarettsong bis zur Operettenarie. Im Kissinger Sommer 2026 kommen sie wieder auf die Bühne, in Konzerten mit Bühnengrößen wie Meret Becker, Katherine Mehrling und Dagmar Manzel: Paul Abraham, der die Operette frisch erglänzen ließ, Mischa Spoliansky mit seiner mondänen bis gepfefferten Eleganz (ein Gentleman, noch ehe er 1933 ins Vereinigte Königreich emigrierte), Friedrich Hollaender mit seiner versonnenen, aufmüpfigen und scharfzüngigen Melancholie (nicht selten schrieb er seine Texte selbst), Werner Richard Heymann, der vor seinen Kabarett- und Film-Evergreens (»Das gibt’s nur einmal«, »Ein Freund, ein guter Freund«) ergreifende expressionistische Lieder schrieb, und Hanns Eisler, der in seinem Œuvre den ganzen Horizont komponierter Musik kritisch durchleuchtete. Im Panorama der berauschenden, bissigen, gefühlvollen und exzentrischen Unterhaltungskultur im Kissinger Sommer begeben sie sich in den Dialog mit der »Soul of Klezmer«, aber auch den Virtuosen der aktuellen europäischen Burlesque-Szene. 

Seit einem halben Jahrhundert widmen sich Künstler und Wissenschaftler verstärkt der Wiederentdeckung NS-verfolgter Komponisten. Vieles wurde dadurch für das Konzertleben wiedergewonnen, etwa Werke der in Theresienstadt Internierten wie Viktor Ullmann, Pavel Haas, Gideon Klein, Hans Krasa und Hans Winterberg. Immer mehr fiel der Blick auf das große Gebiet von Wilna (heute: Vilnius) über Warschau, Krakau, Lemberg (heute: L’viv) und Czernowitz bis nach Odessa und auf die Krim. Dort blühte vor rund hundert Jahren ein reiches jüdisches Kulturleben. David Grossmann und das Jewish Chamber Orchestra Munich erinnern an Joel Engel, der Anfang des 20. Jahrhunderts Lieder aus der jüdischen Diaspora sammelte und die Musik zum »Dibbuk«, einem Klassiker des jiddischen Theaters schrieb. Sie kombinieren die Ouvertüre mit Liedern von Mieczysław Weinberg, der aus dem Milieu des Warschauer jüdischen Theaters stammte und nach seiner Flucht in die Sowjetunion zu einem der engsten Freunde von Dmitri Schostakowitsch (»Für Judenfeinde bin ich wie ein Jude«) wurde – sehr zu dessen Vorteil.

Zum Jubiläum entfaltet der Kissinger Sommer ein Panorama der europäischen Musik. Ohne die Leistung jüdischer Geistigkeit wäre sie nicht, was sie ist. Daran zu erinnern, setzt in einer Zeit des aufbrandenden Antisemitismus ein unmissverständliches Zeichen. Glückwunsch dazu, und alles Gute für die Zukunft. Mazel Tov!