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Artist in Residence 2019

„Aufgewühlt von zwei Winden zittern die Wellen im verstörten Meer“ – Vivaldi malt diese Naturgewalt mit Tönen, und die Sopranistin Julia Lezhneva fügt als persönliche Zutat nur den natürlichen Klang ihrer Stimme hinzu. Die dann aber den Blick nach innen wendet: „Dieses Herz“ sei, wie das wilde Meer, „umkämpft“ von zwei Gewalten, von Liebe und Pflicht.

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Um dieser einfachen Moral der Barockoper heute noch etwas abgewinnen zu können, muss sich ein Künstler den unmittelbaren Ausdruck bewahren, der hinter all den Figurationen der Melodien aufleuchtet.Bei aller Mühelosigkeit und technischer Perfektion ist der unaufgeregte warme Klang dieser Stimme, der an den ganz einfachen Stellen zum Vorschein kommt, das Entscheidende. Das „Lächeln in der Stimme“, das „Engelslachen“ (so die Oberbayerische Volkszeitung über ihr Konzert in Herrenchiemsee 2018), es scheint so, als inspiriere Julia Lezhneva die Rezensenten zu immer neuen Formulierungen mit sich gegenseitig überbietenden Adjektiven. Doch was hören wir im Konzert? Wahrscheinlich sind wir hin- und hergerissen – mal bewundert man die perfekten Triller und Koloraturen und spürt die Kälte der blank geputzten Töne. Mal empfindet man die tiefe Emotion, die in einer ganz einfachen Melodie wie unbeabsichtigt aufglüht. Und so ist Julia Lezhneva auch persönlich. Sie liebt den Schnee. Dort, wo sie herkommt, gibt es Schnee, sie erzählt das nur am Rande, als wir uns in Luzern treffen, wo man vom Hotel aus in eine tief verschneite Landschaft schaut. Es ist einer der letzten Wintertage Ende März 2018, der Schnee wahrscheinlich nur ein blasses Abbild der Winterlandschaft auf der Halbinsel Sachalin, ihrer Heimat. Das Funkeln der Lichter über der kalten Oberfläche erinnert an die Perlenketten von Tönen, die in den barocken Arien glänzen. Um diesen akustischen Lichteffekt bis in die Herzen der Zuhörer strahlen zu lassen, braucht es die eine besondere Zutat, den Ausdruck in der Stimme, den Julia Lezhneva einfach hat. Sie tut nichts weiter als zu singen. Jede bewusste dramatische Gestaltung, scheint überflüssig. Sie kann mit ihrer Stimme unmittelbar berühren.

29.6.2019, 11 Uhr im Grünen Saal: Gespräch mit Julia Lezhneva


Konzerte mit Julia Lezhneva:

27.6.2019 Barocke Bravourarien
3.7.2019 Herzensstürme
14.7.2019 Abschlusskonzert