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Drei Opern im Kissinger Sommer 2019

„Aber es wird erzählt, er habe singend der Berge unbezwingliche Felsen und strömende Flüsse bezaubert.“ So schrieb der Dichter Apollonios von Rhodos über Orpheus um 250 v. Chr. Der Sänger Orpheus, der Sage nach der erste Künstler überhaupt, vermochte die
belebte und unbelebteNatur mit seiner Kunst zu rühren, und doch ist er ein Fremder in eben dieser Natur, die ihm staunend zuhört. Staunen und gegenseitiger Respekt charakterisieren auch heute noch die Beziehung der Künstler zu ihrem Publikum – aber auch die Beziehung des Künstlers zur ihn umgebenden Natur.

 

Wenn Orpheus vom „reinen Himmel“ in den Gefilden der Seligen singt, scheint es, als müsse er uns, seinem Publikum, all diese Wunder der Welt von Neuem nahebringen. Der Komponist Christoph Willibald Gluck findet in „Orfeo ed Euridice“ für all das, für das Murmeln der Bäche und das Zwitschern der Vögel, eine musikalische Sprache. Doch die Einheit von Musik und Natur entsteht erst bei Euridice. Sie, die Nymphe, die eigentlich ein Teil der nicht menschlichen Natur ist, geht so vollkommen im Orchesterklang auf, dass sie eigentlich immer anwesend ist. Diese dramaturgische Konstruktion hat es erst möglich gemacht, dass wir in dieser Aufführung von Glucks Oper auf die körperliche Anwesenheit Euridices verzichten können. Stattdessen gibt ihr der musikalische Kommentar von Damian Scholl eine Stimme.

Eine andere Natur hören wir bei Richard Wagner, noch stärker personifiziert und im großen symphonischen Orchesterklang dargestellt. Friedrich Nietzsche schrieb: „Von Wagner, dem Musiker, wäre im allgemeinen zu sagen, daß er allem in der Natur, was bis jetzt nicht reden wollte, eine Sprache gegeben hat: er glaubt nicht daran, daß es etwas Stummes geben müsse. Er taucht auch in Morgenröte, Wald, Nebel, Kluft, Bergeshöhe, Nachtschauer, Mondesglanz hinein und merkt ihnen ein heimliches Begehren ab: sie wollen auch tönen.“ Aus diesem Tönen, dem „Naturmotiv“, leitet sich alles ab, und als die Machtgier Alberichs die Einheit von Wasser und Gold zerstört, ist dies der Anfang vom Untergang der Götter. Der Klangfarbenfülle Richard Wagners können wir am 23. Juni nachhören, wenn die Nordwestdeutsche Philharmonie unter der Leitung von Frank Beermann eine konzertante Aufführung des „Rheingold“ in den Max-Littmann-Saal bringt.

Als „ostwestfälisches Bayreuth“ hat der Deutschlandfunk diese Mindener Produktion von 2015 bezeichnet, die wir in einer Neuauflage im Kissinger Sommer präsentieren. Mit jungen Sängern und einem im Wagnerklang erfahrenen Orchester wird der Funke überspringen.

„Zurück zur Natur“, ganz ohne symbolische Überhöhung, ist die Devise von Rousseaus einaktiger Oper „Le devin du village“ („Der Dorfwahrsager“). Eigentlich ist es eine harmlose Gesellschaftskomödie, die mit einer kleinen Intrige eben jenes Dorfwahrsagers das Liebesglück zwischen Colette

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Orpheus zähmt mit seiner Musik die wilden Tiere. Mosaik, 194 v. Chr.

und Colin wieder herstellt. Nur ganz im Hintergrund spielen die Standesunterschiede eine Rolle, die Schäferin Colette betrauert den Weggang ihres Geliebten Colin, der einer Adligen nachläuft, ihm wiederum gaukelt der Wahrsager vor, dass Colette einen hochgestellten Freund habe … So harmlos ging das im Jahr 1752. Im Zukunftslabor des Kissinger Sommers fügen wir ein paar moderne Elemente hinzu. Aber schaffen es die Darsteller von heute überhaupt noch, ihre Gefühle zu zeigen? Gemeinsam mit Regisseur Till Kleine-Möller werden unsere Lehrer und Schüler eine Antwort finden.


Opern im Kissinger Sommer:
23.6.2019 Rheingold
6.7.2019 „Orfeo ed Euridice“
13.7.2019 „Der Dorfwahrsager“ – Kissinger Zukunftslabor
14.7.2019 „Der Dorfwahrsager“ – Kissinger Zukunftslabor