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Geliebte Ferne - Vokale Programme des Kissinger Sommers

Die Ferne, das Unbekannte, übte eine magnetische Anziehungskraft auf viele Künstler aus, und der Blick darauf brachte die erstaunlichsten Kunstwerke hervor. Eine Initialzündung war es geradezu, als Goethes Verleger Cotta dem Dichter 1814 eine Sammlung mit persischer Lyrik übergab. Eine neue faszinierende Welt erschloss sich dem Dichter, und der daraus entstandene „West-östliche Divan“ beeinflusste Generationen von Poeten
und Komponisten. Im übertragenen Sinn ist der Blick in eine fremde Welt bis heute für uns eine große Herausforderung. Wir nennen es Globalisierung, stehen aber doch oft hilflos vor der komplexen Denkweise und Gefühlswelt anderer Menschen.

Der Pianist Burkhard Kehring hat es sich zur Aufgabe gemacht, das ohnehin schon große Spektrum des Klavierliedes internationaler zu gestalten. Mit seinem vielgestaltigen Projekt „Divan of song“ schlägt er Brücken zwischen Westen und Osten, genau wie damals Goethe mit seiner Gedichtsammlung. Burkhard Kehring erzeugt in den „Divan“-Programmen einen „Basar der Klänge, Stimmen, Werke und Ideen“, er bringt westliche Kunstmusik mit neuen Werken, traditioneller Musik und Rezitation zusammen. Gemeinsam mit Burkhard Kehring haben wir zwei Programme ausgewählt, die mit der Sopranistin Narea Son die koreanische Klangwelt und mit dem Tenor Daniel Behle die Ästhetik Persiens und Armeniens in den Rossini-Saal holen.

Eine andere Ferne ist die Vergangenheit des Mittelalters, die den Komponisten Carl Orff zu seinem wohl bekanntesten Werk anregte. Der Kissinger Sommer ehrt den Komponisten am Tag seines 125. Geburtstages mit der Aufführung zweier Werke, die die große Spannbreite seiner Kreativität zeigen: das Frühwerk „Tanzende Faune“ und „Carmina Burana“, die Lieder auf lateinische und mittelhochdeutsche Texte des Klosters Benediktbeuern. Carl Orff hatte sich ursprünglich vorgestellt, dass Projektionen und filmische Bilder als selbständige visuelle Ebene die Musik der Carmina Burana ergänzen sollten. Der Kissinger Sommer greift diese Idee auf und fügt die im Untertitel des Werkes erwähnten „magischen Bilder“ als moderne Komponente hinzu.

Die vom Filmkünstler Michael Carstens exklusiv für den Kissinger Sommer zusammengestellten Visuals werden von mehreren Hochleistungs-Beamern auf die Gebäude im Innenhof des historischen Luitpoldbades projiziert.

Auch für Ludwig van Beethoven spielte die Ferne eine wichtige Rolle. Schon als Jugendlicher liebte er es, mit einem Fernrohr über den Rhein ins Siebengebirge zu schauen. In seinem Liederzyklus „An die ferne Geliebte“ wird eine solche Situation beschrieben: „Auf dem Hügel sitz ich spähend in das blaue Nebelland …“ Klaus Florian Vogt singt diesen Zyklus, der Beethovens romantische Seite zeigt, im Liederabend am 5. Juli. An diesem Lied-Wochenende erforschen wir auch die Avantgarde der Liedkunst, in der Kissinger LiederWerkstatt, die diesmal unter dem zu Beethoven spiegelbildlichen Titel „Geliebte Ferne“ steht. Der Blick in die Ferne, wo das unerreichbare (vermeintliche) Glück ist, ist ein sehr romantischer Blick. „An die ferne Geliebte“ war Vorbild für viele romantische Liederzyklen, doch die Komponisten der Kissinger LiederWerkstatt werden ihren Sängern eine andere, modernere Sichtweise auf den Weg geben.


Vokale Programme 2020:

19.6.2020 
Eröffnungskonzert
24.6.2020   Schottische und irische Lieder
26.6.2020  „Jacques Brel. Eine Hommage“
3.7.2020 Olivia Trummer Trio
4.7.2020   LiederWerkstatt 1
5.7.2020  LiederWerkstatt 2
5.7.2020   Nicht von dieser Welt
7.7.2020 Divan of Song – 1
10.7.2020 Carmina Burana
11.7.2020 Festivalorchester
12.7.2020 Jazz breakfast 2
12.7.2020 Divan of Song – 2
16.7.2020 Duet
18.7.2020 „Leonore“ / „Fidelio“ 2020
19.7.2020 „Leonore“ / „Fidelio“ 2020
19.7.2020 Abschlusskonzert