Logo Kissinger Sommer

Das Festival 2022

Das Festival 2022

Programme und Künstler

Aus dem Reichtum der Musikkulturen Österreichs, Ungarn und Böhmens schöpft das Festivalprogramm 2022, mit Orchester-, Ensemble- und Kammerkonzerten, mit Rezitalen großer Solisten und Blicken in die Welt des Musiktheaters.

Das Herz der europäischen Musik

Böhmen, Ungarn, Wien – manchmal wurde schon behauptet, dort liege das große Herz der europäischen Musik. Die These ist nicht abwegig. Was wäre die Wiener Klassik ohne die Böhmen, die sie vorbereiteten und begleiteten? Was wäre die Dresdner Hofkapelle ohne ihre glänzenden Hornisten aus Böhmen geworden? Wie hätte die Mannheimer Orchesterkultur, die weit über die Wiener Klassik die Ideale kultivierten Zusammenspiels prägte, ohne ihre Böhmen entstehen können? Was wäre die Wiener Moderne ohne ihre Wegbereiter aus dem heutigen Tschechien und Ungarn, ohne Dvořák, Janáček, Mahler, Zemlinsky? Wo wirkten die volkstümlichen Traditionen und die Kontroversen um sie fruchtbarer auf die komponierte Musik ein, als in Ungarn? Diese Musik schlägt die Brücken zwischen den ost- und den westeuropäischen Musikkulturen – ein Anliegen, das 1986 ein Gründungsimpuls für den Kissinger Sommer war. Aus ihrem Reichtum schöpft das Festivalprogramm 2022 und beleuchtet ihn von verschiedenen Seiten, mit Orchester-, Ensemble- und Kammerkonzerten, mit Rezitalen großer Solisten und Blicken in die Welt des Musiktheaters.

Exzellente Orchester

Hervorragende Orchester sind zu Gast, darunter vier prominente Ensembles, die aus der Rundfunkgeschichte hervorgingen, und die ihre Spielkultur in der Wechselwirkung von Liveauftritten mit ihrer Spontaneität und Studioproduktionen mit ihrer Perfektion und Feinzeichnung entwickelten. Sie nähern sich dem Thema  von verschiedenen Seiten. Zur Eröffnung fächert das hr-Sinfonieorchester mit seinem neuen Chefdirigenten Alain Altinoglu das Thema wie in einer guten Ouvertüre auf – mit Antonín Dvoráks Hommage an das frohe, ausgelassene Leben, Franz Liszts »Festklängen« für eine erhoffte Freudenfeier und Emmerich Kalmáns »Csardasfürstin«, dem Glanzstück Wien-Budapester Oper(ette)nkultur, wie Liszts Tondichtung in der anregenden Atmosphäre der böhmischen Bäder geschrieben. Und mit Annette Dasch, Benjamin Bruns und Gisela Schneeberger als Sprecherin prominent besetzt.

Mit Wien, der Musikmetropole mit magnetischer Anziehungskraft für Tonkünstler aller Sparten, verbindet sich das Programm des WDR Sinfonieorchesters. Bei der Uraufführung von Beethovens Fünftem Klavierkonzert spielte dessen Schüler Carl Czerny, Spross einer tschechischen Musikerfamilie und späterer Lehrer Franz Liszts, den Solopart. Die Vierte Symphonie des Böhmen Gustav Mahler lässt am Ende von einem »Himmlischen Leben« singen, das in den verschiedensten Kulturen ähnlich üppig erträumt wurde. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks bringt die Eulenspiegeleien des Richard Strauss  mit, der gern in Bad Kissingen weilte und auch einiges zum Kulturleben in der Kurstadt beitrug. Joana Mallwitz, die dirigentische Aufsteigerin des Jahres, die nach preisgekrönter Arbeit in Erfurt und Nürnberg nun Chefin des Konzerthausorchesters Berlin wird, schließt dieses Programm mit Beethovens prometheischer Symphonie. In der Mitte Tschaikowskys Violinkonzert mit Janine Jansen, die für ihre Einspielung hoch gelobt wurde.

Smetanas Liebeserklärung an die heimatliche Landschaft

Auch im Sommer 2022 folgen exzellente Taktstock-, Stimm- und Instrumentalvirtuosen dem Ruf nach Kissingen. Unter den Dirigentinnen und Dirigenten sind alle Generationen vertreten, die junge, aufstrebende mit Joana Mallwitz und Ruth Reinhardt, Petr Popelka und Krzysztof Urbański, die mittlere mit Alain Altinoglu und Andrés Orozco-Estrada, die erfahrene mit Maestri wie Adam Fischer und Kent Nagano, der mit dem Deutschen Symphonie- Orchester Berlin, dessen Ehrendirigent er ist, und dem Pianisten Nikolay Lugansky nach Bad Kissingen kommt. Vom Klavier aus wird Rudolf Buchbinder die Bamberger Symphoniker leiten und mit ihnen die Weite des konzertanten Denkens in der Wiener Klassik vermessen: von Haydns D-Dur-Konzert mit dem ungarischen Finale über Mozarts d-Moll-Konzert, das gern in die Nähe des »Don Giovanni« gerückt wird – mit dessen Uraufführung wurde Prag zur Mozartstadt –, hin zu Beethovens Chor fantasie, dem konzertanten Probelauf für die Neunte Symphonie. Mit ihrem zweiten Auftritt beschließen die Bamberger den Kissinger Sommer 2022. Unter der Leitung von Krzysztof Urbański, der nach Chef positionen in Trondheim und Indianapolis sowie zehn Jahren als Erster Gastdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters eine verheißungsvolle Zukunft vor sich hat, blicken sie von Böhmen ein Stück nach Norden und Nordosten – nach Polen zu Frédéric Chopin mit dem Ausnahmepianisten Jan Lisiecki und zur immer noch unterschätzten Grażyna Bacewicz, und nach Russland mit Tschaikowskys Vierter, die tragisch beginnt, aber mit einem Volksfest endet.  Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!«

Zum Thema des Festivals bringt die Tschechische Philharmonie ihre ureigene Erfahrung und Geschichte ein. Auf Smetanas Liebeserklärung an die heimatliche Landschaft lässt Petr Popelka, der junge Dirigent mit Orchestererfahrung als Kontrabassist, zwei Werke folgen, die den internationalen Horizont tschechischer Musiker beleuchten: Bohuslav Martinůs Violinkonzert aus seiner amerikanischen Exilzeit – mit der groß artigen Isabelle Faust – und die Siebte Symphonie, mit der Dvorák einen Kompositionsauftrag aus London erfüllte. Die Wiener Symphoniker und die Deutsche Kammerphilharmonie haben zu Bad Kissingen eine besondere Beziehung. Das Ensemble aus Bremen, Festivalorchester der letzten Jahre, kommt unter Leitung der vielversprechenden Ruth Reinhard mit einem Programm rund um den Wahlwiener Johannes Brahms, dessen Todestag sich 2022 zum 125. Mal jährt. Daniil Trifonov, der 2011 mit dem Rubinstein- und dem Tschaikowsky- Wettbewerb gleich zwei international hoch karätige Konkurrenzen für sich entschied, übernimmt die Hauptrolle in Brahms’ d-Moll-Klavierkonzert, das einmal seine Erste Symphonie hätte werden sollen. Die Wiener hatten von 1906 bis in die Weltkriegsjahre hinein noch als »Concert verein« ihre Sommerresidenz in Kissingen. Sie kommen mit Strauß und Strauss und mit einem Programm um Brahms und seine wirkliche Erste Symphonie. Mit Carl Goldmark rufen sie einen seiner Zeit genossen in Erinnerung, die bis zum NS-Verdikt in gutem Ansehen standen. Lise Davidsen, Bayreuth-Debütantin von 2019,  stellt sich mit einem ihrer Lieblingswerke, den Vier letzten Liedern von Richard Strauss vor.

Musikstadt Wien

Wien muss bei diesem Festival mit der ganzen Bandbreite seiner Musik vertreten sein – nicht nur weil das Kaiserpaar Franz Joseph II. und Elisabeth zu den illustren Gästen in Bad Kissingen zählten, sondern auch, weil dort die kulturellen Fäden des Habsburgischen Vielvölkerstaats zusammenliefen. Wien, das war die Klassik, die den Namen der Stadt trägt, das waren die Lieder und Couplets aus Nestroys und Raimunds Komödien, aus dem Brettl und Überbrettl, aus dem die Kabaretts hervorgingen – Wien, das war der Walzer, der alle erfasste; sogar das erste Zwölftonstück war ein Walzer, und gerade die radikalen Neuerer huldigten ihm mit Arrangements und Neukompositionen. Den »melancholisch düsteren Walzer«, der einem »nicht aus dem Sinn geht«, besingt eines der zentralen Stücke aus Schönbergs »Pierrot lunaire«, einem Schlüsselwerk auf dem Weg zur Moderne. Streitbar war diese Kunst-Szene, sie ist es bis heute.

Günther Groissböck, als Opern- und Konzertsänger auf dem Zenit einer internationalen Karriere, entfaltet das Panorama des Wienerlieds mit der typischen Schrammelbesetzung, benannt nach den Brüdern, die seit den 1870er-Jahren nicht nur die gemeinen Leute, sondern auch Aristokraten und Tonkünstler-Prominenz wie Johann Strauß, Johannes Brahms und Arnold Schönberg begeisterten. Dessen »Pierrot-lunaire«-Ensemble, das im 20. Jahrhunderts Schule machte, kann man als verfremdetes und klanglich geschärftes Schrammel-Ensemble hören. Exquisites verspricht in dieser Hinsicht das Wandelkonzert mit  Patricia Kopatschinskaja. Die Künstlerin mit der unbändigen, ansteckenden Musikalität zeigt sich nicht nur von ihrer bekannten Seite als Violinvirtuosin, sondern auch als Kennerin und Könnerin der besonderen Art von Sprechgesang, wie Schönberg sie verlangt.

Ensemblekunst

Mit diesen beiden Programmen ist zugleich die Spannweite der Ensemblekonzerte zwischen Volkstümlichkeit, Klassik/Romantik und Moderne umrissen. Roby Lakatos, der brillante Geiger und Ensembleleiter, hat eine ganze Dynastie von Roma-Musikern hinter sich, die Können und Stil von einer Generation zur nächsten weitergaben. Ungarische Musik in ihren vielen Facetten bildet den Kern seines Programms. Doch auch Jazz, Tango und populäre Klassik nehmen in seinen Händen stets den unverwechselbar ansteckenden Lakatos-Ton an. Das Ensemble Mini spürt Untertönen bei Bartók nach. Joolz Gale, der Gründer und Leiter, machte es sich zum Prinzip, große Orchesterwerke für kleine Ensembles zu bearbeiten und damit neu erfahrbar zu machen. Die Resultate versetzten selbst Skeptiker in Erstaunen. Gemeinsam mit einem Virtuosen der Darbuka, einer orientalischen Trommel, präpariert Mini heraus, wie Studien arabischer Musiktraditionen auf Bartóks Komponieren einwirkten. Magdalena Kožená, die in ihrer Heimatstadt Brünn die Fundamente für ihre musikalische Karriere legte,  und Sir Simon Rattle, ihr Mann, haben ein exquisites Ensemble für ein Lied programmim Spannungsfeld zwischen Shakespeare und volkstümlichen Traditionen zusammengestellt.

Die Vokalmusiktradition der »Kissinger LiederWerkstatt« wird auch 2022 fortgeführt.

Auf gleicher künstlerischer Höhe bewegen sich die Kammerkonzerte des Kissinger Sommers. Künstlerinnen und Künstler, die solistisch auf den großen Bühnen  der Welt zu Hause sind, tun sich zu Ensembles zusammen, so Martin Helmchen und Frank Peter Zimmermann, Alban Gerhardt und Markus Becker, der Mandolinenvirtuose Avi Avital und der Akkordeonist Aydar Gaynullin, und die Musiker rund um Julia Fischer und Alexander Sitkovetsky. Das Schumann-Quartett gestaltet mit Martina Gedeck ein musikalisch-literarisches Programm um seinen Namenspatron. Das Fauré- und das Szymanowski Quartett verfolgen das Festivalthema durch die Epochen von Klassik, Romantik und Spätromantik. Die Vokalmusiktradition der »Kissinger LiederWerkstatt«, die seit 2006 die Pflege des Kunstliedes mit der Uraufführung neuer Werke verbindet, führt ein Ensemble um die Sopranistin Sarah Aristidou fort. Kammerorchester und Chöre aus der Region gestalten zudem mit Jas Dismas Zelenkas »Te deum« und Haydns »Nikolaimesse« zwei musikalische Gottesdienste, die mit böhmischem Barock und Wiener Kirchenmusik ebenfalls das Saisonthema aufgreifen.

»KlavierOlymp« – der Titel, den der Kissinger Sommer für seinen jährlichen Klavierwettbewerb wählte, kann über all dem stehen, was das Festival in diesem Jahr an Tastenzauber bietet. Neben dem Gewinner Giorgi Gigashvili werden zwei weitere Preisträger des letzten Jahres diesen Sommer konzertieren. Mit Yaara Tal und Andreas Groethuysen sowie den Brüdern Lucas und Arthur Jussen gastieren die führenden Klavierduos mit sehr individuellen Programmen. Sir András Schiff, dessen Interpretationen durch die geistige Durchdringung der Werke faszinieren, die aus ihnen spricht, zeigt sich nicht nur als Meisterpianist, sondern führt auch auf seine unvergleichlich sensible Art in die Werke ein. Iveta Apkalna, Titularorganistin der Hamburger Elbphilharmonie und Residenzkünstlerin am Berliner Konzerthaus, rundet das Bild der Tastenvirtuosen mit ihrem Konzert in der Herz-Jesu-Kirche ab. So spannt sich der Kissinger Sommer 2022 wie ein  Kosmos um eine Musikwelt, die zu den kostbarsten Gütern europäischer Geschichte gehört.