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Das Festival 2024

Festivalthema 2024

Programme und Künstler

Das Programm des Kissinger Sommers 2024 ist der Stadt Berlin, ihrer Musik und ihren Musikern gewidmet, für die auch die Spreemetropole ein Sehnsuchtsort war, ist und sein wird.

Berlin in Bad Kissingen – Eine Stadt(legende) zu Besuch

Die Verbindungen sind gut, und sie haben Geschichte. Zwar fährt heute kein Direktzug mehr von Berlin nach Bad Kissingen und zurück. Aber wenn man Musikinteressierte in der Hauptstadt nach dem Kurort an der Saale fragt, hellen sich die Mienen auf: Man schätzt den malerischen Ort in Franken als Bad, als Stadt, als Kulturplatz. Seit es den Kissinger Sommer gibt, treten dort regelmäßig Künstlerinnen und Künstler aus Berlin auf: solistisch, in Ensembles, als Orchester. In diesem Sommer nun ist Berlin selbst zu Gast mit einer exquisiten Auswahl dessen, was die Hauptstadt kulturell zu bieten, und was sie in ihrer
Geschichte so alles von sich gegeben und an sich gezogen hat. Denn keine Metropole ist nur sie selbst. Sie lebt von Gästen, Zugewanderten, von fernen Geliebten und Rivalinnen.

Ich hab’ noch einen Koffer in Berlin / Der bleibt auch so und das hat seinen Sinn. / Auf diese Weise lohnt sich die Reise, / Und wenn ich Sehnsucht hab, dann fahr ich wieder hin Aldo von Pinelli

Die Ikonen Marlene Dietrich und Hildegard Knef, beide in der Glamourstadt Berlin aufgewachsen und an die Umschlagplätze der internationalen Showkultur gezogen, liehen dem Festival das Motto: »Ich hab’ noch einen Koffer in …«. So ist es mit dem Hin- und Wegsein von Berlin. Den Drang in die weite Welt untermalt das Heimweh. An diesem Zwiespalt laborierten sogar nicht wenige von denen, die ab 1933 durch politische Gewalt aus der Stadt getrieben wurden. Das Lied, das beide sangen, hat dafür den guten, rau-melancholischen Ton gefunden. Die Dietrich und die Knef – sie waren Unterhaltungskünstlerinnen, die ins Herz trafen, weil sie das ihre nicht versteckten..

Panorama der Unterhaltungskultur

Berlin hatte und hat viele von ihnen: Chansonetten, Diseusen, Schauspielerinnen, Sängerinnen, Tänzerinnen, Multitalente; die historischen Größen: Blandine Ebinger, Margo Lion, Adele Sandrock, Fritzi Massary, Marika Röck, Zarah Leander und andere mehr. Zusammen mit denen, die sie nach Friedrich Hollaenders Worten »umschwirrten wie Motten um das Licht« – Poeten, Komponisten, Bands, Regieleute, Filmpioniere –, prägten sie den Mythos Berlin: Komponisten wie Rudolf Nelson, die Hollaenders, Werner Richard Heymann, Mischa Spoliansky, Theo Mackeben – allen voran Kurt Weill. Was in den »Goldenen Zwanzigern« innerhalb eines gedrängten Jahrzehnts förmlich explodierte, hatte seine Vor- und Nachgeschichte. Die Vorgeschichte reicht noch hinter die Zeit des Mannes zurück, der unter den europäischen Majestäten und Zelebritäten wohl am häufigsten in Kissingen zur Kur war: Otto von Bismarck. Die Nachgschichte wirkt bis heute weiter.

Der Kissinger Sommer 2024 bietet ein Panorama Berliner Unterhaltungskunst – von Oscar Straus, dem Wiener Geburtshelfer des Berliner Kabaretts, bis zu denen, die heute die frech-verruchten Lobgesänge auf die Stadt schreiben und servieren. Bestbesetzung wird geboten: mit der wunder- und wandelbaren Dagmar Manzel in Straus’ heiter-elegantem Plädoyer für die selbstbewusste Frau (ebenso vielseitig als Partner: Max Hopp), mit den Chansonprogrammen von Désirée Nick und Tim Fischer, die tief in die Geschichte und die weitverzweigte Verwandtschaft des Berliner literarischen Chansons leuchten; mit Katharine Mehrling und ihrem Kurt-Weill-Abend (begleitet vom Orchester der Komischen Oper Berlin); mit Sharon Brauner und ihrem Team, die mit dem sprichwörtlichen Berliner Tempo durch die Zeiten vom legendären Lunapark bis ins aktuelle Berghain ziehen; mit dem Moka Efti Orchester, das dem Film »Babylon Berlin« den authentischen Sound verlieh, und mit einer gesamtkünstlerischen Glanzleistung von 1931, dem Film »Berlin – Die Sinfonie der Großstadt« mit der Originalmusik des genialen, jung  verstorbenen Edmund Meisel..

Ein Musikfestival, das Italien als Schwerpunkt wählt, kann in jeder Hinsicht aus dem Vollen schöpfen.

Die hohe und die populäre Kunst

Der Fundus, auf den die Interpretinnen und Interpreten zurückgreifen, ist unerschöpflich. Denn die Vergnügungssucht der Berliner war sprichwörtlich. In der Gründerzeit schossen entsprechende Etablissements wie Pilze aus dem Boden. Es heißt, der Kaiser habe den Bau von Kirchen vorangetrieben, um dem Tingeltangel mit dem Damoklesschwert des Jüngsten Gerichts entgegenzuwirken. Vergeblich. Warum auch? Sonnabends amüsieren, sonntags Andacht üben – die Kombi stärkt das Wohlbefinden: das eine ist fürs Jetzt und fürs Herz, das andere fürs Gewissen und die ferne Zukunft gut. Man sollte auch das Unterhaltungsbedürfnis
nicht gegen den Kulturhunger aus-spielen, der etwa nach dem Zweiten Weltkrieg zur raschen Regeneration von Bühnen, Orchestern und Rundfunk führte und die Demokratisierung durch Bildung erheblich förderte. Die Grenzen sind durchlässig. Die Großen der Unterhaltungskunst brachten eine klassische Ausbildung und Erfahrung mit. Werner Richard Heymann schrieb vor seinen Kabarettsongs und Filmschlagern expressionistische Lieder, Kurt Weill vor seiner »Dreigroschenoper« zwei Symphonien, ein Violinkonzert und die konzertante Kantate »Der neue Orpheus«, ein fiktiv-surrealer Besuch des antiken Sängerhelden in der Großstadtwelt um 1920. Arnold Schönberg wiederum gab seinen Einstand in Berlin als Kurzzeitkapellmeister an Ernst von Wolzogens »Überbrettl« und mit sechs Kabarettsongs. Paul Hindemith, seit 1927 Professor an der Berliner Musikhochschule, übte sich mit »Neues vom Tage« im Genre der zeitkritischen Revue. Und diese Durchlässigkeit kam nicht nur der leichten Muse zugute.

Im Gegenteil. Die offizielle, staatlich geförderte Kultur hing den neuesten Trends lange hinterher. Als die italienische Oper anderswo außer Mode geriet, holte man Gaspare Spontini 1820 als Generalmusikdirektor nach Berlin. Das spektakuläre Ereignis jener Jahre, die Premiere von Webers »Freischütz«, fand im Off, im Schinkelschen Schauspielhaus (heute: Konzerthaus Berlin), statt. Mozart reiste nach Berlin, konzertierte, schrieb dem Preußenkönig drei Streichquartette, in denen er dessen Instrument, das Cello, besonders aufmerksam bedachte. Auch Beethoven kreuzte an der Spree auf, widmete Friedrich Wilhelm II. zwei Cellosonaten und trug sie mit dessen Lehrer vor. Beide Visiten blieben folgenlos. Immerhin lernte Beethoven damals den Neffen des Regenten, den musikalisch hochtalentierten Prinzen Louis Ferdinand kennen. Jahre später traf er ihn bei einem seiner Gönner, dem Fürsten Lobkowitz, wieder; der Komponist hatte seine frisch komponierte Sinfonia eroica dabei, Lobkowitz ließ sie dem Gast aus Berlin vorspielen, der verfolgte sie mit wachsender Aufmerksamkeit und erbat sich zwei Wiederholungen. Beethoven widmete ihm sein Klavierkonzert c-Moll. Beide Werke sind beim Kissinger Sommer zu hören, gespielt vom Konzerthausorchester Berlin und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen.

Entdeckerfreuden

Innovatives regte sich in kleinem Rahmen, in den (Kammer-)Konzerten von Carl Philipp Emanuel, dem zweitältesten Sohn Johann Sebastian Bachs und Hofcembalisten Friedrichs II., oder in Salons wie den Sonntagsmusiken der Familie Mendelssohn. Dort erklangen erstmals die Geniestreiche des jungen Felix: die Ouvertüre zu Shakespeares »Sommernachtstraum«, die er Jahre später auf Wunsch des Preußenkönigs zur kompletten Schauspielmusik ausbaute, und das Oktett, bis heute ein Glanzstück großangelegter Kammermusik. Beide Werke sind in Bad Kissingen zu erleben – und noch einiges mehr. Durch die Irrungen und Wirrungen des »Sommernachtstraums« führt Martina Gedeck, die Verbindung zu Shakespeares Mutterland stellen das BBC Symphony Orchestra und die BBC Singers her. Mit den Bamberger Symphonikern sind die bekannten Werke wie die »Italienische« Symphonie und das Violinkonzert zu hören, auch das Doppelkonzert für zwei Klaviere steht mit den Gebrüdern Jussen auf dem Programm – und Kammermusik der verschiedensten Besetzungen, darunter einige Lieder ohne Worte, deren Poesie auch heute noch verzaubern kann. Der Berliner Bach-Connection, zu der die Mendelssohns entscheidend beitrugen, spürt Christian Tetzlaff mit seinen Berliner Barock-Solisten nach. »Berlin ist der sauerste Apfel, in den man beißen kann. Aber es muss gebissen sein«, meinte Mendelssohn. Er sprach damit vielen Künstlergenerationen aus dem Herzen. Berlin kann (sich) begeistern, kann aber auch ruppig und abweisend sein. Wie viele Künstler hatte er in den Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. große Hoffnungen gesetzt. Der wollte viel, das aber nicht zu schnell. Mendelssohn schlug ihm die Einrichtung einer Musikhochschule vor, Majestät lehnten ab. Der Komponist gründete das Institut in Leipzig. Erst 22 Jahre nach seinem Tod wurde die Berliner Initiative verwirklicht. Zum Direktor berief man Joseph Joachim, der unter Mendelssohns Fittichen vom Wunderkind zum Künstler von internationaler Statur gereift war und später ein enger Freund von Johannes Brahms wurde. Brahmsisch war der Geist, der an seinem Konservatorium waltete, und er strahlte auf das ganze Musikleben aus.

Brahms war kein Berliner. Er stammte aus Hamburg und entschied sich für Wien. Aber er hatte einen großen Koffer in Berlin: seine Fans und seinen Verlag, der  auf seine Empfehlung auch Antonín Dvořák unter Vertrag nahm. Dessen internationale Erfolge wurden ebenfalls von Berlin aus forciert. Und Brahms tat auch  seinen Opponenten gut: Die Wagnerianer konnten sich als Alternative in Szene setzen, und Anton Bruckner empfand es als Triumph, als er erst mit seinem Te Deum, dann mit seiner Siebten Symphonie vom Berliner Publikum begeistert empfangen wurde. Sie alle gehören zum Bild von Berlin, ebenso wie die musikalischen Größen des frühen 20. Jahrhunderts: Richard Strauss, Ferruccio Busoni, Paul Hindemith, Arnold Schönberg. Keiner stammte aus Berlin, aber alle haben sie der Stadt zur kulturellen Ausstrahlung verholfen, an der sie sich bis heute misst.

Künstlerinnen und Künstler von Weltruf

Zur guten Kissinger Tradition gehört, dass die Programme von international renommierten Künstlern dargeboten werden. Das Klavier ist auch diesmal wieder prominent mit Grigory Sokolov, Hélène Grimaud, Martin Helmchen, Jan Lisiecki, Jean-Frédéric Neuburger oder dem Duo Tal & Groethuysen vertreten, Veronika Eberle, Julia Fischer und Vilde Frang brillieren an der Violine, Nils Mönkemeyer und Timothy Ridout an der Viola und Daniel Müller-Schott am Violoncello. Mit der Klarinettistin Sabine Meyer kehrt eine treue Freundin zum Festival zurück, ebenso wie der Mandolinen-Virtuose Avi Avital. Pultgrößen wie Sir Simon Rattle, Edward Gardner, Vladimir Jurowski, Joana Mallwitz, Tugan Sokhiev oder Trevor Pinnock kommen mit gewohnt exzellenten Orchestern – von den BBC und den Bamberger Symphonikern, der Deutsche Kammerphilharmonie, den Münchner Philharmonikern und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Dem Thema entsprechend beteiligen sich drei der Spitzenorchester aus der Hauptstadt selbst: das Konzerthausorchester, das Deutsche Symphonie-Orchester und das Rundfunk-Sinfonieorchester, außerdem die beiden professionellen Konzertchöre: der Rundfunkchor und der RIAS Kammerchor, beide international viel gefragt. Sie alle versprechen große Kunst: Denn in Berlin gab und gibt man sich in Qualitätsfragen der Abendgarderobe zwar betont lässig, in Qualitätsfragen der Musik dagegen nicht. Da soll alles vom Feinsten sein.