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Mazel Tov

Festivalthema 2026

Im Sommer 2026 begeht der Kissinger Sommer sein 40. Jubiläum – ein Meilenstein, der vom 11. Juni bis 18. Juli mit einer besonders hochkarätigen Festivalausgabe gefeiert wird. Das Jubiläum steht dabei nicht nur für eine Rückschau auf vier Jahrzehnte Kissinger Musikgeschichte. Unter dem Motto »Mazel Tov« – was im Hebräischen und Jiddischen so viel wie »Glückwunsch« bedeutet – verbeugt sich der Kissinger Sommer zudem vor der jüdischen Geschichte und Kultur Bad Kissingens und Europas. Aufregende, vielfältige und hochkarätige Konzertprogramme, zahlreiche Gastspiele von Weltklasseorchestern und herausragende Künstlerinnen und Künstler versprechen auch diesmal ein Festivalerlebnis ersten Ranges im großartigen Ambiente der Kissinger Konzertsäle. 

»Mazel Tov«

Der Kissinger Sommer nimmt das eigene Jubiläum zum Anlass, nachzudenken über den jüdischen Beitrag zur Geschichte der Stadt und zu der Kultur, die hier gepflegt wird. Bis zur Deportation der letzten lebenden Juden durch die Nationalsozialisten 1942 war in Bad Kissingen eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden Bayerns ansässig, deren Wurzeln sich bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen lassen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts prägte die jüdische Bevölkerung das geistige, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der Stadt maßgeblich. Auch viele Gäste jüdischer Herkunft reisten aus ganz Europa zur Sommerfrische an, darunter Albert Einstein, Max Liebermann, Giacomo Meyerbeer, James Simon und Oscar Straus. Eine Podiumsdiskussion, eine musikalische Lesung und Stadtführungen nehmen diese jüdische Lokalgeschichte in den Blick. 

In den Konzerten weitet sich der Blick: Sie präsentieren u.a. Kompositionen nach jüdischen Themen oder Werke von Komponisten jüdischer Herkunft und machen die ganze Vielfalt mosaischer Kultur und Kulturgeschichte sinnlich erlebbar. Dazu gehören u.a. Ernest Bloch, Hanns Eisler, George Gershwin, Felix Mendelssohn Bartholdy und Fanny Hensel, Kurt Weill, Mieczysław Weinberg, Musik von Operettengrößen wie Paul Abraham und Kabarettstars wie Werner Richard Heymann, Friedrich Hollaender oder Mischa Spoliansky. Auch die mitreißende Klezmer-Tradition und jiddische Evergreens werden in mehreren Programmen gefeiert. »Mazel Tov« steht als Gratulation, als Motto und Leitfaden über dem Kissinger Jubiläumsprogramm 2026, bei dem von der Kleinkunst bis zur großen Konzertgala, von der Kammermusik bis zum Opernabend, vom Publikumsrenner bis zur exquisiten Rarität alles vertreten ist. 

Der Kissinger Sommer nimmt das eigene Jubiläum zum Anlass, nachzudenken über den jüdischen Beitrag zur Geschichte der Stadt und zu der Kultur, die hier gepflegt wird.

Jüdisches Leben in Bad Kissingen

Bis zur Deportation der letzten Kissinger Juden im Jahr 1942 nach Kraśniczyn und Theresienstadt gab es in Bad Kissingen eine große und lebendige jüdische Gemeinde, deren Wurzeln bis ins Mittelalter zurückreichten. Bereits im 13. Jahrhundert hielten sich hier Juden auf, wie einem Eintrag des Nürnberger Memorbuchs zu entnehmen ist. Auch Kissingen wird unter den Orten aufgeführt, in denen Juden vom »Rintfleisch-Pogrom« von 1298 betroffen waren. Kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg ließen sich dann wieder Juden in der Kurstadt nieder, nach dem Krieg dauerhaft, zunächst als »Schutzjuden« des Würzburger Fürstbischofs oder ortsansässiger Adliger. Gegen eine Abgabe gewährten ihnen diese »Schutzherren« Wohnrecht und eine gewisse Sicherheit. Der noch heute existierende »Judenhof« in der Bachstraße, den die Herren von Erthal errichtet hatten, spiegelt die Ghettosituation wider, in der Juden bis ins 19. Jahrhundert leben mussten. 

Mit der zu Beginn des 19. Jahrhunderts einsetzenden Reformbewegung gelang es der Kissinger jüdischen Bevölkerung, sich nach und nach zu emanzipieren, aus der Rolle gesellschaftlicher Außenseiter herauszutreten und Teil der Gesellschaft zu werden. Erste Lockerungen brachte das bayrische Judenedikt von 1813, und mit der Reichsgründung 1871 erfolgte die rechtliche Gleichstellung und damit auch die freie Berufswahl. Die Kissinger Juden konnten jetzt den Judenhof verlassen, und aus ehemaligen »Schutzjuden« wurden bis Ende des Jahrhunderts freie, gleichberechtigte Bürger, die als Kaufleute, Ärzte, Hoteliers, Kurhausbesitzer und Bankiers erfolgreich waren und auch über die Grenzen der jüdischen Gemeinde hinaus großes Ansehen genossen.

Besonders im Kurbetrieb spielten jüdische Bürger eine bedeutende Rolle und trugen mit zum Aufstieg Bad Kissingens zum Weltbad bei. Da die berühmten Heilquellen auch von vielen jüdischen Kurgästen aus dem In- und Ausland besucht wurden, entstand eine große Zahl jüdischer Hotels, Restaurants und Pensionen; in den Sanatorien und Kureinrichtungen der Stadt waren zahlreiche jüdische Ärzte beschäftigt. Das Sanatorium Apolant und das Sanatorium Pick beispielsweise zählten zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den modernsten und attraktivsten Einrichtungen ihrer Art in Deutschland und waren international bekannt.

Besonders im Kurbetrieb spielten jüdische Bürger eine bedeutende Rolle und trugen mit zum Aufstieg Bad Kissingens zum Weltbad bei.

Aber auch im Einzelhandel, vor allem in der Textilbranche, gab es ein breites Spektrum jüdischer Geschäfte, das vom Billig-Preis-Laden bis zum exklusiven Modehaus und Hoflieferanten reichte. Insbesondere der Kunst- und Antiquitätenhändler David Kugelmann mit seinen repräsentativen Geschäftsräumen am Rosengarten und der Juwelier und Hofantiquar Simon Rosenau, in dessen Werkstatt 1907 die Amtskette des Kissinger Oberbürgermeisters angefertigt wurde, trugen zum internationalen Ansehen bei. Fast 90 Prozent der jüdischen Gemeindemitglieder lebten um 1930 vom Fremdenverkehr und vom Kurbetrieb.

Der Aufstieg zu einem international bekannten Heilbad führte auch zu einem starken Zuwachs innerhalb der jüdischen Gemeinde, die 1925 mit 504 Mitgliedern (5,3% der Gesamtbevölkerung) einen Höchststand erreichte. Nach Würzburg und Aschaffenburg war Bad Kissingen damals die drittgrößte jüdische Gemeinde in Unterfranken.

Sichtbarer Ausdruck der gelungenen Integration der Kissinger Juden sowie des gewachsenen Selbstbewusstseins und Ansehens der jüdischen Gemeinde war der Neubau einer repräsentativen Synagoge in der Maxstraße, die 1902 eingeweiht wurde. Sie sollte als monumentales Bauwerk ebenbürtig neben den christlichen Kirchen und repräsentativen Kurbauten der Stadt bestehen und den Erwartungen der zahlreichen jüdischen Kurgäste eines Weltbades und der Kissinger Öffentlichkeit entsprechen. Mit der Wahl eines betont nationalen, neoromanischen Baustils wollten die Gemeindemitglieder zum Ausdruck bringen, dass sie sich als überzeugte bayerische und deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens fühlten.

Großes Engagement entfalteten viele Kissinger Juden im gesellschaftlich-sozialen Bereich, und auch in den politischen Gremien der Stadt wirkten jüdische Bürger mit: Kurhausbesitzer Nathan Bretzfelder und Modehausbesitzer Otto Goldstein waren langjährige Mitglieder im Stadtrat, die sich als überzeugte Demokraten vehement dem aufkommenden Nationalsozialismus widersetzten und deshalb unmittelbar nach der »Gleichschaltung« des Kissinger Stadtrats im April 1933 ihr Mandat verloren. 

Da die berühmten Heilquellen auch von vielen jüdischen Kurgästen aus dem In- und Ausland besucht wurden, entstand eine große Zahl jüdischer Hotels, Restaurants und Pensionen.

Antisemitische Tendenzen gab es bereits im Kaiserreich und der Weimarer Republik auch in der Kurstadt, mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 traten diese Bestrebungen öffentlich und ungehindert zutage. Viele Bad Kissinger Juden sahen sich während der NS-Zeit gezwungen, Deutschland zu verlassen und nach Palästina, England, in die USA oder andere Länder zu emigrieren. Ungefähr 130 jüdische Bürger unserer Stadt (die genaue Zahl lässt sich nicht sicher feststellen) wurden Opfer der NS-Vernichtungspolitik. Zwölf Jahre NS-Diktatur genügten, um die jahrhundertelange Tradition jüdischen Lebens in Bad Kissingen abrupt und wohl unwiderruflich zu beenden, und dies nach einer Zeit friedlichen Zusammenlebens der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung, in der die Integration der jüdischen Bürger weitgehend geglückt schien.

Nach dem Krieg kam es nicht wieder zur Gründung einer jüdischen Gemeinde. Die Erinnerung an die jüdische Geschichte unserer Stadt aber ist bis heute lebendig: in der Dauerausstellung »Jüdisches Leben in Bad Kissingen« in der Promenadestraße, im »Gedenkbuch der Bad Kissinger Juden während der NS-Zeit« sowie der »Chronik jüdischen Lebens in Bad Kissingen«, durch die regelmäßig stattfindenden »Jüdischen Kulturtage«, und durch Stolpersteine, die an die Opfer der NS-Gewalt erinnern. 

Auch einer der bedeutendsten Kissinger des 20. Jahrhunderts kam aus der früheren jüdischen Gemeinde: Jack Steinberger, der 1988 den Nobelpreis für Physik erhielt. Er wurde 1921 als Sohn des jüdischen Kantors im Jüdischen Gemeindehaus geboren und musste 1934 als Dreizehnjähriger in die USA fliehen. Trotz dieser bedrückenden Erfahrungen hat er in seinen späteren Lebensjahren immer wieder seine Geburtsstadt besucht und betont, wie wichtig ihm die Wiederbegegnung mit seiner früheren Heimat und ihrer Kultur gewesen ist.