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Das Festival 2024

Festivalthema 2024

Festivalthema 2024

»Ich hab’ noch einen Koffer in ...« – Die Hauptstadt, Musikstadt, Kulturstadt und Unterhaltungsstadt Berlin, deren Bewohner seit dem 19. Jahrhundert nach Bad Kissingen pilgerten, um dort Erholung und Genesung zu finden, steht im Mittelpunkt des Kissinger Sommers 2024.

Saisonbild 2024, Koffer, Springbrunnen
Saisonbild 2024, Koffer, Weisser Saal

Berliner Beziehungen

Beziehungen zwischen Berlin und Bad Kissingen sind ein verhältnismäßig junges Kapitel in der Weltgeschichte. Auf den Berliner Landkarten erschien das fränkische Städtchen erst, als es als Kur- und Badeort relevant wurde. Aber bekanntlich waren sich Bayern und Preußen selten wirklich grün. Wer nach Kissingen reiste, tat dies nicht zum Vergnügen, sondern aus gesundheitlichen Gründen. Allmählich tauchten immer mehr Namen aus Berlin in den Gästelisten auf: 1825 zum Beispiel der preußische Kultusminister Carl Freiherr vom Stein zum Altenstein, der als Schulreformer in Erinnerung geblieben ist. Oder 1837 der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm. Oder, etwas später und weniger prominent, Albertine Mendelssohn mit vier Kindern. Sie war die Schwägerin von Felix Mendelssohn Bartholdy. Nicht ohne Grund gab es ein paar Jahre später das Hotel Preußischer Hof.

Per Kurswagen nach Bad Kissingen

Diese Aufwärtsentwicklung konnte auch der absolute Tiefpunkt der Beziehungen zwischen Kissingen und Berlin nicht aufhalten: Am 10. Juli 1866 fand während des »Deutschen Krieges« die Schlacht von Kissingen statt, in der sich preußische und bayerische Truppen in der Umgebung und in der Stadt heftige, verlustreiche Kämpfe lieferten. Als aufgeräumt war, kamen auch die Berliner wieder, zum Beispiel am 28. Juni 1889 die deutsche Kaiserin Auguste Victoria, die in Begleitung von Kronprinz Wilhelm und den Prinzen Eitel Friedrich, Adalbert und August Wilhelm zu einem mehrwöchigen Kuraufenthalt anreiste. Dass Bad Kissingen eine wichtige Adresse geworden war, zeigt der Umstand, dass man zwischen 1908 und 1939 am Anhalter Bahnhof in Berlin in einen D-Zug (mit Speisewagen) ein und sieben Stunden später in Bad Kissingen wieder aussteigen konnte.


Die Bismarck-Hysterie

Geradezu hysterische Anfälle verursachte bei den Kissingern Reichskanzler Otto Fürst von Bismarck, der auf Ratschlag seines Arztes 1874 zum ersten Mal »zum Abspecken« nach Kissingen kam. Und es wäre auch das letzte Mal gewesen, wenn der Magdeburger Böttchergeselle Eduard Kullmann nicht so ein schlechter Schütze gewesen wäre. Sein Attentat misslang, der Kanzler kam mit einem Streifschuss an der rechten Hand davon und der Kurkapellmeister konnte noch am selben Tag den »Bismarck-Rettungs-Jubel-Marsch« komponieren. Bismarck kam bis 1893 noch 14 Mal, um für vier Wochen von der Oberen Saline aus Deutschland zu regieren. Und die Kissinger waren aus dem Häuschen. Sie errichteten 1877 das erste Bismarck-Denkmal in Deutschland und später den Bismarckturm. Es gab die Bismarck-Waage und Bismarck-Wanne, die Bismarck-Brezel und Bismarck-Torte, natürlich die Bismarckstraße und schließlich die Ehrenbürgerschaft noch obendrauf.


Räume für die Kunst

Aber musikalische Beziehungen? Das ist ein Thema, das die Kur und ihre Entwicklung keineswegs von Anfang an begleitete. Denn Kissingen war bis ins frühe 19. Jahrhundert ein agrarisch geprägtes Landstädtchen mit dem immer einträglicher werdenden Nebenerwerb der Kur. Und es war nie der Sitz einer fürstlichen Residenz, an der Musik und Theater zur Unterhaltung gebraucht wurden. Aber die Stadt hatte das Glück, dass die Wittelsbacher Könige in München durchaus wirtschaftlich dachten. Sie wussten, dass sie, wenn sie an ihrem Kurbetrieb verdienen wollten, auch in die Rahmenprogramme investieren und kulturelle Angebote ermöglichen mussten. Zwischen 1834 und 1838 errichtete der Münchner Hofarchitekt Friedrich von Gärtner den Arkadenbau, der mit seinem »Conversations-Saal« (heute Rossini-Saal) allerlei Veranstaltungen ermöglichte. 1856 entstand ein Sommertheater im Schweizer Stil, ein Holzbau mit einfachster Ausstattung – 1905 errichtete Max Littmann an gleicher Stelle das heute noch bespielte Kurtheater. 1910 folgte die Wandelhalle mit ihrer praktischen Drehbühne für das Kurorchester. Der Höhepunkt und Abschluss war 1913 die Einweihung des Regentenbaus mit dem Großen Saal, der heute nach seinem
Erbauer Max-Littmann-Saal heißt..

Prominente Gäste aus Berlin

Das waren Bauten und Räume, die Bad Kissingen nicht nur in Deutschland, sondern international zu einem attraktiven und gefragten Auftrittsort für die Künstler machten. Das sprach sich schnell herum. Vor allem, als 1871 der Würzburger Theaterintendant Eduard Reimann auch das Kissinger Theater pachten und dank der Würzburger Personalressourcen in der Kursaison aus dem Vollen schöpfen konnte. So wurde nicht nur Wagners »Tannhäuser« aufgeführt, sondern vor allem die damals so beliebten Operetten. Da konnten nun die Berliner punkten: Es kamen nicht nur in der Hauptstadt gefeierte Solisten wie Lina Doninger und Oskar Aigner, sondern auch die Komponisten. Der treueste Gast war Leon Jessel, der zehn Mal zur Kur kam. Aber die Gästelisten nennen auch Jean Gilbert, Rudolf Nelson oder Ralph Benatzky. Noch 1941 dirigierte Eduard Künneke ein Potpourri aus seinen Werken in Bad Kissingen. Der symphonische Aufschwung setzte ein, als 1898 die Münchner Philharmoniker (bis 1905 und von 1919 bis 1941) und 1906 die Wiener Symphoniker (bis 1918) ihre Sommerpausen mit befristeten Gastspielverträgen überbrückten. Dadurch kam so viel internationale Prominenz nach Bad Kissingen, dass die Künstler aus Berlin sich unauffällig einreihten.

Auf den Gebieten der darstellenden Kunst und der Literatur lassen sich weitere Beziehungen aufspüren. Adolph von Menzel – um nur ein prominentes Beispiel zu nennen – hat sich auf seinen Reisen immer wieder gerne in Bad Kissingen aufgehalten und dort nicht nur bekannte Bilder wie »Spaziergängerin am Springbrunnen im Kurgarten in Kissingen« (1885) oder »Die Feinbäckerei im Kurpark zu Kissingen« (1893) gemalt, sondern auch das Titelblatt des Goldenen Buches der Stadt gestaltet. Unter den Dichtern ist schließlich Theodor Fontane zu nennen, der viermal in Kissingen weilte. Obgleich er die immensen Essleistungen der preußischen Kurgäste mit einigem Amüsement beschrieb, hat er seine Sommerfrische doch überaus genossen und sich in seinen Schriften sehr positiv über das fränkische Weltbad geäußert.